Gerhard Tersteegen (1697-1769)
Gerhard Tersteegen  (1697-1769)

Lebensbeschreibungen - wozu?

In einem ausführlichen Vorwort in Band I von drei Bänden der „Auserlesenen Lebensbeschreibungen heiliger Seelen“ geht Gerhard Tersteegen auf Sinn, Nutzen und Einwände der umfangreichen Sammlung ein.

Er berührt dabei auch tiefer liegende Motive, die bei Christen egal welcher Konfession unnötige Zurückhaltung gegenüber Lebensbeschreibungen von sog. heiligen Männern und Frauen erkennen lassen. Die Nachfolgenden Antworten sind Teile  aus dem genannten Vorwort.

Wohin mit dieser Arbeit?

Zur Verherrlichung Gottes, und zur Auferbauung der Gemeinde Jesu Christi. Denn ich glaube, dass diese Arbeit unter Gottes Segen beförderlich sein könne und werde. Ist es doch Gott eine Ehre, dass man seine Werke und Geheimnisse offenbare. Denn das gibt Anlass, den Vater im Himmel zu preisen, wenn man die guten Werke der Heiligen ansieht. Alle Gnaden, alle Gaben, alle Tugenden und Taten der Heiligen, ja die Heiligen selbst, sind nur Auswirkungen und  Darstellungen der grossen Taten Gottes, zu verkündigen die Tugenden dessen, der sie berufen hat (1.Petr. 2,9).

Welchen Sinn haben Lebensbeschreibungen?

Allgemein:

Betrachten wir die Heiligen mit Absicht auf uns, so sind sie Glieder der Gemeinde Jesu Christi. Alles was Gott ihnen gegeben das hat Er der ganzen Gemeinde gegeben; was Er in ihnen und durch sie gewirkt, ja, sie selbst ganz, gehören dem Leibe Christi an. Es sei Paulus oder Apollo oder Kephas, alles ist euer, ihr aber seid Christi (1.Kor. 3,22-23). Gleichwie ich nun bei diesem Werk begehre Gott zu geben, was Gottes ist, also will ich auch der Kirche geben, was Gottes ist, also will ich auch der Kirche geben, was ihr gehört, nämlich diese Vorbilder der Heiligen, als einen kostbaren Kirchenschmuck (Luk.21,5), mit allen ihren verschiedenen Austeilungen und Gaben, zum allgemeinen Nutzen, denn es ist ein Leib . Dieses wünschte ich, lieber Leser, dass diese teuren Zeugen der Wahrheit, durch Gottes Mitwirkung, in dein und mein Herz folgendes eindrücken und bestätigen möchten:

Erstens, dass das wahre Christenleben allerdings ein genaues und inwendiges sei; Zweitens, dass auch, durch Gottes Gnade, ein solches Leben und Wesen zu üben und zu erfahren, in dieser Zeit möglich sei; und zwar (drittens) in allen Ständen, worin wir uns von außen, nach Gottes Willen, befinden möchten.

Speziell:

Gott führt seine Heiligen nach seinem freien Belieben und Absicht, und zwar wunderbar (Psalm 4,4). Man trifft in diesem Werk heilige Seelen von verschiedener Gattung an, nach dem Grund aber, nach den Haupt-Ständen und Ziel, ist alles in allen einerlei. Aber in den besonderen Führungen und Erfahrungen ist eine merkliche Verschiedenheit, zur Offenbarung der mannigfaltigen Weisheit, Wunder und Reichtum Gottes. Die mancherlei Gaben dienen zum allgemeinen Nutzen.

Vornehmlich in diesen Zeiten dürfen wir zum Preise Gottes anfangen zu sehen, dass die Wahrheiten des  inwendigen Lebens, nicht nur in dieser oder jener Partei, Stand oder Winkelein, sondern unter allen Religionsverwandten, Ständen und Orten, immer mehr geliebt und geübt werden, zu merklichem Abgang der dürren Theologie. Ja, die Zeiten nahen, dass dieses Evangelium vom Königreich Gottes (Matth. 24,14), das inwendig in uns ist, verkündigt werde in der ganzen Welt, zu einem Zeugnis über alle Völker.

Stärkung:

Es sei ferne, dass ihre Heiligkeit uns sollte bestürzt machen oder abschrecken; vielmehr sollte unser Glaube mächtig gestärkt werden, wenn wir an ihrem Beispiel sehen, welch ein gewünschtes Ende alle diese dunklen Wege der Demütigung und Läuterung nehmen, und wie endlich eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit aus der Dürre hervor wächst. Ja wir können an ihnen sehen, was die Gnade vermag, wo man sich ihrer treuen Führung unbedingt überlässt, und dass wir nicht immerdar in unseren klagenden Anfängen dürfen hangen bleiben, sondern dass wir wissen sollen, welches da sei die Hoffnung unserer Berufung.

Welche besonderen Zweifel rufen Lebensbeschreibungen hervor?

Wer weiß ob alles wahr ist!

Man hat uns das eine oder andere ungewisse Ding erzählt; man hat von dem Seinigen etwas hinzugetan; sollen wir deswegen alles verwerfen? Dieser oder jener hat in einigen Stücken, die doch vielleicht dem Grund der Sache nichts nehmen, etwas unrecht berichtet; sollte darum kein Mensch die Wahrheit sagen? Das sei ferne. Eine bescheidene Untersuchung ist nötig; eine verwegene Verurteilung höchst schädlich. Die Kuriosität in unnötigen Kleinigkeiten und Nebendingen überlässt man den unverständigen Zeitverderbern, und hält sich nur bei dem was gründlich und nützlich ist; und sodann sollen wir den Vater um den Geist der Unterscheidung anrufen, und alsdann alles prüfen, und das Gute behalten. Was in diesen Tagen dem eitlen Sinn nicht gefällt, das muss eine Fabel, eine Legende sein.

Damit wir aber näher kommen, und nur mit Absicht auf diese Lebensbeschreibungen den Einwurf beantworten, so kann man auf Grund der Titel ersehen, dass es mit Bedacht und Urteil ausgelesene Lebensbeschreibungen sind, und demnach gar nicht zu vergleichen mit andern vermischten und ungewissen Geschichten; die unzweifelbaren Urkunden, Zeugnissen und Beweise angeführt werden.

Zum Anderen, es sind hier keine erdichteten Lobreden zu finden, sonder die Heiligen erzählen hier größtenteils selbst ihr Leben und Führungen; Und wo etwas ein anderer Berichterstatter redet, so ist es nicht ein solcher der etwas einige Jahrhunderte nach ihnen, oder weit entfernt von ihnen gelebt hat, sondern es sind Augen- und Ohrenzeugen, und zwar solche, von deren Gottseligkeit man nichts anderes als Wahrheit und Treue vermuten kann. Drittens, was mich betrifft, spricht mich mein Gewissen frei, dass ich mit Willen nichts verfälscht, nichts ausgeschmückt, nichts zu gross gemacht habe. In der Übersetzung oder Anführung der eigenen Worte der Heiligen, habe ich, aus gebührender Hochachtung, noch viel mehr danach getrachtet, alle Treue zu beobachten.

Manche Zeremonien,  Menschensatzungen und selbst erwählten Gottesdiensten,  worin sich solche Personen geübt, sind doch keineswegs zu entschuldigen oder gut zu heißen.

Es sei ferne von mir, dass ich etwas sollte gut heißen, was Gott nicht selbst gut geheißen  hat. Da sie aber Gott entschuldigt, und sie nichtsdestoweniger so herzlich geliebt hat; warum sollten wir nicht ein gleiches tun. Diese geistlich gesinnten Seelen sehen nicht auf das Sichtbare. Ihr einziger Zweck ist, Gott und dessen Gemeinschaft zu suchen.  Zu diesem Zweck allein richten sie alle die Kirchenbräuche und Satzungen ein, die sie an dem Ort antreffen, wo sie leben, unwissend, ob irgendwo bessere Bräuche oder Mittel der Gnaden zu finden. Weil dies alles nun an sich äußere und zufällige Dinge sind, welche ihnen in ihrer inneren Beschaffenheit vor Gott keine Veränderung oder Hindernis verursachen, so kehrt sich Gott, der auf ihre lautere Absicht und Gemütszustand sieht, an diesen Nebendingen nicht. Ihre Glaube, ihre Liebe ist ihm angenehm zu aller Zeit und in allem Werk.

Von den sog. selbst erwählten Gottesdiensten ist fast ein gleiches zu sagen. Manche von dergleichen Seelen haben ihren Leib und Sinne unter strenger Zucht gehalten. Hierbei will ich nun zwar alle und jede dazu angewandte Mittel, Kasteiungen und Bußübungen, nicht eben verteidigen, viel weniger ohne Unterschied zur Nachfolge anpreisen, und dann auch von solchen Sachen nur das Nötige, und nicht ohne Prüfung, diesen Lebensbeschreibungen ist beigefügt worden. Hat aber der eine oder andere hierin zu viel getan, so ist es dem Herrn geschehen, der die Unwissenheit übersieht, den aufrichtigen Ernst und die Absicht segnet, und endlich zum rechten Ziel bringt. Man sehe aber auch auf der andern Seite zu, dass man mit seinem Fleisch nicht zu große Bescheidenheit gebrauche, damit man keine Luftstreiche mache (1. Kor. 9,26-27), und das Ziel verfehle. Und wie weit bleiben unsere anderen diskreten, gemächlichen Christen zurück, welche, damit sie in keine päpstliche Werkheiligkeit und Heuchelei verfallen, auf eine unrechte Weise nur gar zu evangelisch werden, und, damit sie der Welt keinen Anstoß geben, lieber ihre Heiligkeit verborgen halten; und gebe Gott, dass sie nur an jenem Tage können gefunden werden.

Es müssen wohl besondere  äußere Umstände gewesen sein, die Heilige hervorbrachten, was in der heutigen Zeit auszuschließen ist?

Die verschiedenen Vorbilder der Heiligen zeigen es, dass Gottes innere Wirkungen von keinen äußeren Umständen abhangen. Hier sehen wir Heilige in einem Palast, und Heilige in der Einöde; Heilige in dem Ehestand, und Heilige in dem Kloster, Heilige in der Kirche, in der Kammer, in der Küche, auf den Straßen, in den Geschäften und an allen Orten. Ach, darum lasse doch keiner, in seinen etwas bedrängten Umständen den Mut sinken, als wenn ihm deswegen der Weg zu einer gründlichen Heiligung sollte verlegt sein. Gott will Heilige in allen Ständen haben. Trachte ein jeder in seinem Stand ein solcher zu werden, und baue keine Schlösser in die Luft, durch ungewisses Denken und Warten auf das Künftige.

Warum hält sich G. Tersteegen denn gerade auf mit römisch-katholischen Personen?

Ich lasse es an seinen Ort gestellt sein, ob nicht die sektiererische Selbstliebe diesen Einwurf mache; aber, warum sieht man doch scheel, dass Gott so gütig ist, dass Er sich durch keinen Namen, noch Hirnbegriffe, noch äussere Zeremonien und Gebräuche hindern lässt, seine Gnade mitzuteilen, und sein Werk fortzusetzen in den Herzen derjenigen, die Ihn fürchten und recht tun unter allerlei Volk?

Die Kirche ist nichts anderes als die Versammlung der Heiligen, oder die, von der Zerstreuung in Kreatur und Eigenheit wieder zu Gott versammelten, und mit Ihm in Christo vereinigten Seelen. Jeder andere Name oder Unterschied gilt vor Gott nichts. Sagst du nun, diese heiligen Seelen sind nicht von meiner Partei; so schneidest du dich damit ab von der Gemeinschaft sowohl des Hauptes als der Glieder.

Gerhard Tersteegen hielt es für nicht sicher, ob er noch Beispiele aus protestantischen Gemeinden einfügen werde. Hauptzweck war es „ die auswärtigen und unbekannten, bekannt und beliebt zu machen“. Außerdem gäbe es schon verschiedene andere Autoren, die solches bereits übernommen hätten.

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