Gerhard Tersteegen (1697-1769)
Gerhard Tersteegen  (1697-1769)

Band III  Lebensbeschreibungen - Vorworte

 

Baltasar Alvares
Elisabeth von Schönau
Erste Mitbrüder des hl. Franziskus v. Assisi
Franziskus von Assisi
Heilige Mechthild
Heinrich Seuse (Suso)
Hildegard von Bingen
Johannes vom Kreuz
Juliana von Norwich
Katharina von Siena
Margareta von Beaune
Maria Magdalena von Pazzis
Marina von Escobar
Nikolaus von der Flüe
 

 

 

Baltasar Alvares

Gelehrtheit und Erleuchtung beisammen haben, ein wirksames und ein beschauliches Leben zugleich führen, ist nicht so leicht gemein, als man denken möchte: Aber noch weit seltsamer, und doch sehr notwendig ist es, dass, wo diese Dinge beisammen sind, selbige in rechter Ordnung untereinander stehen. Man findet es noch wohl, dass gelehrte Leute einiges Licht von Oben haben, bisweilen mehr, bisweilen weniger; allein, ihre Gelehrtheit, ihre durch Fleiß erlangten Begriffe, Geschicklichkeiten und verständliche Wirksamkeiten, unterwerfen sie nicht wahrlich dem göttlichen Licht, und denen Wirkungen und Gnaden, wie doch höchstbillig wäre; sie wollen nicht immer, wie die unwissenden Schüler, von Gottes Licht und Unterweisung im Herzen abhängen, und an den Pfosten (Spr. ,34) seiner Tür wachende und wartende die Weisheit erbetteln: Sondern, wo man so im vorüber gehen ein Lichtstrählchen von Oben bekommt, da reißt es der Verstand an sich, formt es nach seinem Gefallen, schränket es ein, dehnet es aus, und machet seine Sachen schön damit. Kurz der wirksame Verstand ist Herr, und läuft voraus; da er als Knecht dem göttlichen Licht Untertan sein, demselben nur folgend und nicht ohne Erlaubnis wirken sollte: Und lassen so in Gottes Schein, Sein einziges Schau`n und Wirken sein; wie ein deutscher Jesuit (Angelus Silesius) recht gesungen hat.

2. Gerade so gehets auch mit dem wirksamen und beschaulichen Leben. Ich verstehe hier durch das wirksame Leben, die Beschäftigung zur Bekehrung, und zum Heil des Nächsten; durch das beschauliche aber, den geheimen Umgang mit Gott durch´s Gebet: zu seiner Zeit kann beides wohl miteinander bestehen. Ich sage, zu seiner Zeit, denn die unreife Lehr- und Bekehrsucht gehöret nur zum Christentum, wie die Krankheit zum Leibe; und denke ich, es müsse einer also ziemlich was mit Jesu (Apg. 1,21-22) durchgewandert sein, ehe er in die engere Apostelwahl dürfe eingesetzt werden. Hat doch der Sohn Gottes selbst, nicht ohne Geheimnis, dreißig Jahre lang sich verborgen gehalten, ehe Er sein offenbares oder wirksames Leben angetreten.

3. Und wenn nun einer auch wirklich vom Heilande zum Dienst und Aufweckung des Nächsten berufen und gesandt ist; so muss dennoch das wirksame Leben, nach wie vor, dem beschaulichen untergeordnet bleiben, und dieses sein Hauptgeschäft bleiben. Ich will sagen, es müssen solche Jünger nicht so immer am wirken, heraus gehen, und reden bleiben; sondern es ist auch solchen Aposteln (Mark.6,30) nötig, dass sie vielfältig sich wieder zu Jesu versammeln, sich mit Ihm unterreden, und an einem einsamen Ort ein wenig ruhen. Ja, auch sonst in ihrem Umgang und Arbeit an andern, sich nimmer so gar heraus schütten, dass sie darüber das Attende tibi ipfi(1.Tim.4,16) Acht haben auf sich selbst versäumen, oder dem Acht haben auf die Lehre nachsetzen wollten; denn so könnte es geschehen, dass man (1.Kor. 9,27) andern predigte, und selbst verwerflich erfunden würde.

4. Der Mann, dessen Leben wir hier vor uns haben, hat dieses ziemlich eingesehen, und auch in seinem Grad, und nach den Umständen, worin er sich befand, auszuüben gesucht. Einmal, wir alle, sonderlich auch Prediger und gelehrte Leute können noch manche heilsamen Lektionen bei ihm finden. Ich weiß wohl, dass die Jesuiten bei manchen übel angeschrieben stehen, es mag auch hie und da genug Gelegenheit zu diesem Verdacht gegeben sein worden. Sonderlich weiß ich, dass sie von den Protestanten als eine, zur Zeit der Reformation aufgekommene, Stütze des Antichristentums angesehen werden: das sind aber Streitfragen, die hier nicht zu erörtern sind. Unser Baltasar Alvares ist ein Jesuit, ja einer von den ersten, auch dazu ein Spanier, und doch dabei ein erleuchtetes Kind Gottes gewesen. Gleichwie er nun ein Jesuit vom obersten Rang war, (denn er hatte von ihre sog. vier Gelübden Profession getan, auch sonst die ansehnlichsten Ämter bekleidet) so haben wir drunten im 9. Kap. den gottseligen Wandel eines Jesuiten vom niedrigsten Rang, der dem Baltazar ein lieber Bruder gewesen, zugleich angeführet. Kann man also ja sehen, dass Gott sich nirgend einen Annehmer der Person erwiesen habe.

Der fromme und gelehrte Ludovicus  ponte, welcher den Baltazar genau gekannt, und ihn seinen Vater und Meister nennet, hat dieses Leben in spanischer Sprache weitläufig beschrieben; ist hernach brabändisch übersetzt, 1639 zu Antwerpen herausgegeben, und auch 1670 lateinisch gedruckt worden. Dieser berühmte Autor versichert, dass er nicht erzähle, als was er für gewiß und wahrhaftig halte; teils hätte er es selbst gesehen, und gehöret, einiges sei ihm auch von glaubwürdigen und mit dem Baltazar vertraut gewesene Männern communicirt, und endlich, so habe der Baltazar selbst in einem Schreibbüchlein viele ihm von Gott erwiesene Gnaden verzeichnet hinterlassen. In diesem Auszug haben wir aus allem das wichtigste und nützlichste, in möglichster Ordnung einzubringen uns bemüht. Gott lasse es zu seiner größeren Ehre gesegnet sein.

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Elisabeth von Schönau (1128 – 1164)

Da ich vorhin gesinnet war, diesen Lebenslauf nur dem vorhergehenden von der H. Hildegardis als in einem Stück, beizufügen: Daher, hab ich auch daselbst im Vorbericht schon gesagt, was von dieser Person hier würde zu erinnern gewesen sein. Will also den geneigten Leser nur dahin zurück gewiesen haben.

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Erste Mitbrüder des des hl. Franziskus

Was ich vorher in dem Vorbericht des Francisci gesagt habe, gehört überhaupt mit hierhin: diese und einige andere seiner ersten Nachfolger sind in einem Geist mit ihm gewandelt; und haben wir zu diesem Auszug eben dieselben Bücher gebraucht. Nur wollte man hier an folgendes noch zusätzlich erinnern.

2. Wenn man hier, oder sonst wo in diesen Lebensläufen von Entzückungen, oder anderen außerordentlichen Gnadengaben und Führungen etwas antrifft, so denke niemand, als wollte man in dergleichen Sachen die Heiligkeit solcher Menschen suchen oder setzen: Keineswegs. Erleuchtete wissen schon, an welchen Ort sie solche Gnadengaben bringen sollen; überhaupt sieht man nur auf den Grund der Sache selbst, und verherrlichet die Mildigkeit des gütigsten Gottes, in seinen vielen und mancherlei Gaben und Ausflüssen. Welch ein Gut muss das sein, das den Pilgern schon auf so unendlich verschiedene Arten sich mitteilet, und durch einige Tröpflein seiner Güte so überschwenglich erfüllen kann. In den besonderen Zeiten der gnädigen Heimsuchung Gottes, lässt der Herr die Verkündigung seiner Wahrheit öfters begleitet gehen, mit sonderlichen in die Augen laufenden Taten, und Ausflüssen seiner Gnadengaben; um nämlich dadurch der Hauptsache ein Gewicht  zu geben, und die Aufmerksamkeit der Menschen aufzuwecken.

3. Wir gestehen auch gern, dass die äußere Lebensart, und das Verhalten Francisci und seiner Jünger sonderlich gewesen; ja, dass sie bisweilen töricht scheinende Dinge getan und geredet haben; wovon wir aber, den Anstoß zu vermeiden, hier nicht alles anzuführen dienlich geachtet. Man sehe aber den Umstand der Zeit an, worin sie gelebet: die Menschen, geistlich und weltlichen Standes, waren ertrunken in irdischen Gütern, in Hochmut und Pracht, in Wollust und Üppigkeit, sie begingen hierin greuliche Excesse: Franciscus und die Seinigen, welche mehr durch ihr Exempel als durch ihre Worte die Menschen zu bekehren suchten, taten gerade das Widerspiel; sie liebten und suchten die äußere Armut, die Erniedrigung und Schmach, die Leiden, Verleugnungen und Ungemach, und hierin begingen sie rechte Excesse, welche aber keinem zum Nachahmen aufgebürdet werden. Und gleichwie die magere Schultheologie, mit ihren subtilen Grillen, eben um diese Zeit recht in Schwung kam, und auch manches gutes Gemüt (dergleichen Albertus Magnus, Thomas Aquinas, und andere waren) aufgehalten und verwirret hat: So kam Franciscus mit den Seinigen, und verschmäheten solche falschberühmte Kunst, durch ihre äußere Einfalt in Lehr und Leben; wobei es ihnen doch an göttlicher Erleuchtung und Weisheit um so viel weniger fehlte.

4. Man hätte hier auch von mehreren lieben Jüngern Francisci Erwähnung tun können, der Raum aber litte es nicht; und so ist es auch schade, dass man meistens nur das Äußere und Geringere angeführet findet, wenig aber von ihrem Inwendigen und Edelsten, als nur wo sie etwas selbst, durch ein oder andern Ausdruck, einiges davon entdecket haben. Die Heiligen beschreiben ihr Leben selbst am besten. Wer des heil. Macarii Homilien gesehen, wird sich eine eigentlichere und erhabenere Vorstellung von dem Manne machen, als ein anderer, der nur dessen Leben, von Palladio oder andern beschrieben gelesen hat. Aus dem Wenigen, so wir inzwischen hier mitteilen, wird ein zu prüfen tüchtiges Auge so viel gestehen müssen, dass diese Leute wahrlich Freunde Gottes gewesen sind; und der Herr Poiret hat nicht zu viel gesagt, wenn er dieser Jünger Francisci Lebensläufe vortrefflich und göttlich genannt hat.

5. Wie der Herr Prof. Weißman von einem dieser nachfolgenden Jünger Francisci, nämlich dem Bruder Jakob de Benedictis, welchen der Kardinal Petrucci so sehr geliebet und geachtet, in seiner Kirchenhistorie redet, führet er einige Gründe an, warum man dergleichen Leute ihre töricht scheinenden Taten zu entschuldigen, und ihnen zu gut zu halten habe; und sagte zum Beschluss: Fürwahr, das günstige Zeugnis, welches Petrucci von diesem Jakob giebet, verdienet, dass wir ihm, da er uns sonst nicht bekannt ist, diese Zuguthaltung erteilen, damit die Gnade, welche ihm zu geben der Hausvater ihn gewürdiget hat, nicht ohne Not verachtet oder verworfen werde von den Kindern.

6. Der heilige Franciscus wollte einmal sich ausdrücken, mit welchen Tugenden er seine Nachfolger gern geziertet haben möchte, und gab dadurch zugleich ein kurzes und gutes Zeugnis von einigen seiner Brüder: „ Wer Bruder Bernadus Glauben hätte, wer so einfältig und lauter wäre, als Bruder Leo; so höflich als Bruder Angelus; wer so holdselig, sanftmütig und lieblich im Reden wäre, wie Bruder Masseus; wer ein so erhabenes beschauliches Gemüt hätte wie Bruder Gielis; wer ein so unablässiges Gebet wäre wie Bruder Rufin; wer die Geduld hätte von Bruder Juniperus, wer eine solche Tapferkeit und Stärke hätte, wie Bruder Ian von Lauden; wer eine so brünstige Liebe hätte, wie Bruder Rogerius, und eine Liebe zur Abgeschiedenheit und Einsamkeit wie Bruder Lucidus, ein solcher würde ein wahrer Minderbruder sein.“

Wollte Gott, dass nicht nur die Klöster, sondern ganze Länder voll von solchen guten Brüdern wären!

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Franziskus von Assisi

Wo nehme ich immer die Gründe alle her, um mich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen bei der heutigen delicaten Welt, dass ich mich erkühne das Leben Francisci, und einiger ersten Jünger, an das Licht zu bringen? Und zwar nicht zum Possen, sondern in rechtem Ernst; nicht solche Leute zu beschimpfen, wie andere getan, sondern ihren Glauben, Liebe, ihre Treue, zur Erbauung des Nächsten darzulegen. Man wird sagen: Will man nun aus der Finsternis die Lichter herholen, und in diesen, Gott erbarm`s, erleuchteten Zeiten auf den Leuchter stellen? Will man nun klugen Leuten die Taten und Lehren solcher Menschen vorlegen, welche fast jedermann als Toren belacht hat? Sachte, lachet nicht zu früh, wo ihr anders klug seid. Der lacht wohl, wer als Letzter lacht. Sehet erst zu, wenn ihr anders solches zu prüfen im Stande seid, ob nicht vielleicht dieser Mann, und die Seinigen, von solcher Art Toren gewesen, die um Christi Willen Narren geworden sind: Seid nicht so unbescheiden, dass ihrs diesem Mann anrechnet, was dieser oder jener Mönch, aus Aberglauben gedichtet, oder ein anderer ihn zu beschimpfen mit häßlicher Farbe abgemalt: Leset diese Blätter wenn ihr wollt, ohne Vorurteil, sehend dabei auf den Grund und die Hauptsache, nicht aber auf äußere Nebenumstände; und saget dann, ob ihr euch nicht selig würdet schätzen, wenn ihr nach dem Tode an den Ort kämet, wo solche Streiter hingekommen sind: Man will euch hierdurch nicht zu Barfüßlern und Bettelmöchen machen; werdet nur nicht bange: Man fordert nicht einmal, dass ihr alles lobet; sondern nur, dass ihr alles prüfet, und das Gute behaltet; und es auch dem nicht zur Missetat anrechnet, der euch die wahre Historie dieser Männer, bei so manchen Mährlein, die man nur gar zu gern, auch ohne Prüfung, glaubet, in kurzem Begriff mitteilt.

2. Zu der Zeit, wie Franziskus und seine ersten Jünger gelebt haben, waren allerdings die Finsternis, der Abfall, und das Elend, in der Welt und äußeren Kirchen groß. Es gab auch deren von verschiedener Gattung, und nicht gleicher Lauterkeit, welche wider solchen Verfall ernstlich zeugten, und weder Pabst noch Priester schonten; deren einige blieben in der Gemeinschaft der äußeren Kirchen, andere aber waren in etwa davon abgesondert, wie die rechtschaffenen unter den Albigensern und Waldensern. Dergleichen scharf beißende Arzneimittel aber wollten nicht bei allen anschlagen, ihre heilende Kraft erstreckte sich auch nicht jederzeit tief genug, das bisweilen damit verpaart gehende stürmische Wesen mochte auch wohl der beäugten Besserung im Wege stehen.

3. Einmal, der ewig liebende, langmütige Gott, der nicht will, dass jemand verloren gehe, sondern seinem abgewichenem Geschöpf beizukommen und zu helfen sucht, auf alle ersinnliche Weise, der versuchte es derhalben mit dem verderbten menschlichen Geschlecht auf eine andere Art, gleich einem klugen Arzt, der um der Aversion willen, welche einige Patienten gegen gewisse Arzneimittel haben, sich gerne bequemt, und ihnen entweder eben dieselbe Arznei anders zubereitet, oder eine andere, von gleicher Wirkung substituiret.

4. Es kam unser hl. Franziskus. Der ließ den Pabst Pabst, und die Priester Priester sein; waren sie böse, das würde Gott finden und richten zu seiner Zeit: Sein Beruf ging nicht dahin, um zu untersuchen, ob alle die Nebenbegriffe und Handlungen des Gottesdienstes ihre völlige Richtigkeit hätten; was er vor sich fand, das brauchte er zum einzigen allezeit richtigen Zweck: Nach Christi Worten zu leben, und Christo Seelen zu gewinnen, darum war es ihm nur zu tun: Er strafte die Sünde, predigte von Buße, von Verleugnung der Welt, von der Liebe zu Gott; und führte seine Nachfolger an zum Gebet, und zur Gemeinschaft mit dem unsichtbaren Gut. Diese Dinge predigte er, und lehrte er predigen, mit ganz einfältigen Worten, aber noch weit kräftiger durch sein heiliges Exempel, bis in den Tod.

5. Unter denen, welche seinen äußeren Ordnungen und Anstalten sich ergeben, und Franziskaner oder Minderbrüder heißen, äußerte sich schon zeitig ein greulicher Abfall, den er auch selbst bei seinem Leben, teils vorher gesehen, teils vorher angekündigt hat. Dem unbeachtet ist es unleugbar, dass durch ihn viele Herzen selbiger Zeit gerührt, und zu einem ernsten Leben und Liebe Gottes bekehrte, und sonderlich manche von seinen ersten Jüngern Gott wahrlich ergebene heilige Seelen gewesen sind, wie wir hernach einige Exempel anführen wollen: So, dass wir daher schließen, es sei auch zur selbigen Zeit, in seiner Masse jenes Wort des Herrn wahr geworden, was Er bei allen lauteren Auferweckungen und Erneuerungen von Zeit zu Zeit wahr gemacht hat: Du lässt (Psalm 104,30) deinen Geist aus, so werden sie geschaffen und erneuerst die Gestalt der Erde. Ob gleich der Frühling der Kirchen bis dato noch nie tausend Jahr gewährt, sondern allemal wieder ein kalter Winter gefolgt ist.

6. Die Bücher, deren man sich bediente für den Auszug dieses Lebens Francisci, auszufertigen, sind folgende: Das Leben Francisci durch Bonaventura beschrieben, Bosquierii, Antiquitates Franciscanae, Colon 1623, Opuscula Francisci, per Waddingum, Antw. 1623, und Lion 1636, und dann den Wyngart Francisci, 1518 zu Antwerpen gedruckt.

7. Weil Franziscus unter den Römisch-Katholischen canonisiret ist, so dürfen wir, ihnen zu lieb, keine Zeugnisse anführen. Dominicus und Franciscus, wie sie zu einer Zeit lebten, haben auch einander geliebet und geehrt, das tun indessen ihre Nachfolger untereinander gar nicht. Die Protestanten untersuchen solche Sachen selten. Vielleicht gibt dieser Auszug ihnen nähere Gelegenheit zu erkennen, was sie an Franciscus haben. Luther urteilte bescheiden: Francisus sei ohne Zweifel ein redlicher, frommer Mann gewesen, der wohl nicht gedacht, dass aus seinem Leben eine so große Superstition entstehen würde. Der Herr Poiret nannte ihn einen Theodidactum, einen Spiegel der Verleugnung und vollendeten Heiligkeit. Das Zeugnis der erleuchteten Mad.Guion hat ohne Zweifel auch bei einigen Protestanten sein Gewicht, welche sagt: Francisus sei Jesu Christi gleichförmig gewesen, wie er sich (anfangs seiner Bekehrung) von allem entblößte; danach habe er die Stände Jesu Christi getragen; endlich in der Vollendung seines Lebens, ward er Jesus Christus gemacht, Jesus Christus lebte und litt in ihm. Die Angele de Folignii, welche nicht so gar lang nach des Francisi Zeiten gelebt, lobte ihm mehr als gemein, etwas davon ist in ihrem Leben  angeführt, das meiste aber hat man in dem zu ihrem Leben von uns gebrauchten Manuscript noch ungedruckt.  Wir wollen nur dieses wenige daraus anführen, worin sie den Hauptcharakter des Francisci anzeigte, welcher auch der eigentliche Charakter der Angele, wie auch des Bernieres gewesen: „Ich sehe keinen Heiligen, der mir sonderlicher zeiget den Weg von dem Buch des Lebens, nämlich ein Exemplar von dem Leben des Gottmenschen Jesu Christi, als der heilige Francisus…. Zwei Stücke hat uns dieser glorwürdige Vater gelehrt: Das Eine ist, dass wir uns in Gott versammeln sollten, nämlich unsere ganze Seele in diese Göttliche Unendlichkeit….. Das Andere, dass wir sollten lieben die Armut, das Leiden, die Verachtung und den Gehorsam…. So lasset uns ihm dann glauben, usw“.

8. Es halte ihn ein jeder wofür er ihn halten will, sein Wahlspruch entscheidet die Sache und stopfet aller Mund, welchen der fromme Thomas à Kempis in seiner Nachfolge anführte: So viel einer, Herr! In deinen Augen ist, so viel ist er, und nicht mehr, sagt der demütige, heilige Franciscus.

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Die Heilige Mechthild

Die Schriften der H. Mechthildis sind zu Köln 1660 in octavo, unterm Namen der Offenbarungen, in fünf Büchern heraus gekommen; lateinisch aber unter folgendem Titel: Liber gratiae spiritualis, zu Paris 1536, wie sie dann auch eben daselbst zum erstenmal 1513 in Folio, zugleich mit denen Offenbarungen der Heil. Hildegardis und der Elisabeth von Schönau gedruckt sind. Und dieser ältesten Edition haben wir uns bei diesem Auszug bedienet; dabei in dem, was die Geschichte des Lebens betrifft, die Infinuationes ihrer Schwester Gertrudis mit zu Hilfe genommen.

2. Die Mechthildis wird in der Römischen Kirche, nicht nur überhaupt, als eine canonisirte Heilige, hoch gehalten; sondern auch von Gelehrten, und zugleich das inwendige Christentum liebenden, unter die Heiligen und von Gott gelehrte Weibspersonen gezählet. Sandaeus zeuget folgendes von ihr: Sie handelt vielfältig mit ihrem himmlischen Bräutigam, wie eine Liebhaberin der geheimen Gottesgelehrtheit. Und der Bräutigam war ihr sehr günstig, und zeigte sich ihr. Danach hat sie von Gott geschöpfte Lehre, Liebesbewegungen und himmlische Eingebungen verfasset in dem Büchlein von der geistlichen Gnade und Offenbarung; durch dessen Lesung, wie wir wissen, einige zur Liebe der Oberen Weisheit sind entzündet worden. Und dieses Letztere ist wohl die beste Approbation.

3. Unter den Protestanten führet Herr Arnold des D. Mart. Geiers Tractat von der Allgegenwart Gottes an; worin selbiger der Mechthildis Leben, als einer heiligen Jungfrauen, und ihre gehabten Offenbarungen angezogen habe. Wie auch P. Poiret sie eine Erleuchtete, und ihres gemeinsamen Umgangs mit Gott, und gehabter Gesichter wegen, Berühmte nennet. Und am andern Ort führet derselbe eine ganze Offenbarung von ihr an; die wir doch in diesen Auszug einbringen, aus besonderen Absichten, Bedenken getragen. Insgemein aber sind der Mechthildis Sachen wenig bekannt, weswegen wir ihr hier zum Beschluß einen kleinen Raum zu gestatten dienlich und erbaulich geachtet haben.

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Heinrich Seuse  (Suso  o. Säus)   1295 - 1366

Bei Ausfertigung dieser Lebensbeschreibung des Susonis haben wir nebst der lateinischen Übersetzung Lauri. Surii, Colon 1615 in octav, auch die altschwäbische Edition, zu Augsburg 1512 gedruckt, zur Hand gehabt, und allenthalben nachgesehen. Diese Originaledition wird sonst selten gesehen, ist aber öfters sehr nachdrücklich und artig, wie Surius selber gestand. Es verdienten diese edlen Schriften eine neue Übersetzung aus dieser Sprache, denn die deutsche Version des Anshelmi Hoffmann aus dem Lateinischen, Kölln 1661, ist nicht zum Besten geraten. Des Surii lateinische Version aber findet man ziemlich treu, wie auch deutlich und nett, wie dann dieser arbeitsame Mann, durch seine Übersetzungen, uns mehrere dergleichen herrliche Schriften conserviret hat.


2. Man hat auch eine brabändische Edition dieser Schriften, im Herzogenbusch 1627 gedruckt, und eine Französische, Paris 1614, so doch das Gespräch mit der Wahrheit nicht hat; das Gespräch mit der Weisheit aber ist 1684 allein zu Paris gedruckt, und dem Bischof von Meaux dediciret worden; eben dieses Gespräch mit der Weisheit hat ein unlängst verstorbener protestanischer Theologus treulich übersetzt, und auf seinem Totenbett liegend mir zugesandt, mit der Bitte, selbiges zur Ehre Gottes zum Druck zu befördern. Es sind aber des Säusens Schriften nacheinander folgende:

  1. Gespräch der Weisheit und ihres Dieners

  2. Vier Predigten, deren die letztere auch in Tauleri Postill, am Sonntag Voc.lucunditatis, sich befindet

  3. Etliche Sendschreiben

  4. Gespräch mit der Wahrheit

  5. Büchlein von den 9 Felsen

  6. Betrachtungen der Leiden Christi

  7. Tagzeiten der ewigen Weisheit

  8. Säusens Lebenslauf

Sonst sollen auch in Tauleri Postill die erste Predigt Misericord.Dom. (Joh. 10,11) und die Predigt am 1. Trinitatis (Luc.16,19) von unserm Susone sein, welches um so viel glaublicher, weil die alten Editionen der Predigten Tauleri, diese beiden, und die oben benannten nicht haben.

3. Seine Person anlangend, so ist er allen Umständen nach, wo nicht in den letztern Jahren des 13 Seculi (Jhd.), doch wenigstens gleich im Anfange des 14 Seculi (Jhd.) geboren, ob man wohl das Jahr seiner Geburt oder seines Todes nicht genau wissen kann. Achtzehn Jahr war er alt, wie er anfänglich bekehret ward. Vierzig Jahre war er, wie er in die höhere Schule der innern Selbstverleugnung und Gottgelassenheit eingeführet wurde, worin ihm Vieles  zu leiden um Eines zu lernen aufgegeben wurde. Das Schreiben seiner edlen Büchlein, sein gesegnetes Predigen hin und wieder, und die Anführung so mancher Seelen zur Liebe Gottes, ist bei reifer Erfahrung, und also meist nach dieser Zeit geschehen. Im Jahr 1352, als er sein Büchlein von den 9 Felsen schrieb, war er so weit in der göttlichen Vereinigung gefördert, dass Gott ihn unter die heiligen Einwohner des obersten Felsens zu setzen würdigte. Bedenket man, was von seinem vierzigsten Jahr bis auf diese Zeit mit ihm vorgegangen, so muss man schließen, dass er damals aufs wenigste 50 Jahr alt gewesen, und weil er nachher noch gelebet, gelehret und vieles gelitten, ein ziemliches Alter müsse erreichet haben. Einige setzen seinen Tod in dem Jahr 1365, und mögen wohl recht haben. Trithemius sagt nur, dass er ums Jahr 1350 am meisten berühmt wurde.

4. Die wenigen Nachrichten, welche dieser liebwerte und in dem dornigen Kreuzesweg durchtriebenen Dominikaner von seinem Leben uns selbst hinterlassen, würden, seiner Demut wegen, der Nachwelt vielleicht unbekannt geblieben sein, wo nicht eine seiner geistlichen Töchter, Elisabeth Staglin genannt, eine heilige und verständige Dominikaner Nonne im Kloster zu Tosse, das, was sie zufälliger Weise von ihm heraus gelockt, heimlich aufgeschrieben hätte. Zwar, als Säus solches erfuhr, hat er einiges davon verbrannt, es ward ihm aber von Gott ausdrücklich befohlen, das Übrige nicht nur zu bewahren, sondern nach der Tochter Tod, selbst eins und anders noch hinzu zu fügen. Er tat solches aber in der dritten Person, unter dem Namen des Dieners der ewigen Weisheit, ohne seinen eigentlichen Namen zu benennen.

5. Seine anderen Schriften wollte er auch Anfangs bis nach seinem Tod zurückhalten; erkannte aber hernach, dass es Gottes Wille wäre, dass solche noch bei seinem Leben allen gutherzigen und begierigen Seelen gemein gemacht würden. Er hat auch noch vor seinem Tod seine hin und wieder uns richtig abgeschriebenen Büchlein, nach ihrem ersten Sinn, selbst wieder eingerichtet. Seine Briefe aber sind von oben gemeldeter Elisabeth Staglin gesammelt und gekürzt worden.

6.  Wir haben bei diesem Auszug alles, so viel möglich gewesen, in einige Ordnung, so wohl der Zeit, als der inneren Führung nach, zu bringen gesucht; wie auch zu desto mehrere Erläuterung seiner inwendigen Stände, und mehrern Erbauung des Lesers, den Kern seiner übrigen Schriften, so viel der enge Raum zugelassen, an gehörigen Orten, kürzlich mitgenommen.

7. Das Urteil der Protestanten von diesem Mann und seinen Schriften, ist noch ziemlich favorabel: sie nennen ihn einen gottseligen Mann, dessen Schriften mit dem Papsttum nicht zu vergleichen seien. Einen vortrefflichen Theologen (Joh.Henr. Ursinus), welches ein jeder wahr befinden würde; man finde in seinem Vortrag eine reiche evangelische Gnade, nachdem er lange Zeit unter dem Gesetz rechtschaffen mühselig und beladen worden (Cave Hist. Litt.); einen wohlgeratenen Sohn einer sehr frommen und Jesum, den Gekreuzigten, brünstig liebende Mutter (Arnold Hist. Theol. Mystic.).

8. Zu Ulm ist der liebenswerte Säuß begraben, wie nun im vorigen Kriege die Franzosen daselbst Meister waren, haben sie Fleiß angewandt seinen Reliquien nachzugraben, allein solche Mühe war vergebens. Doch hier sind sie gefunden, tritt nur näher herzu, andächtiger Leser, betrachte, berühre, und ehre ohne Scheu diese wahre heilige Reliquien des Susonis, die ich dir nicht aus dem toten Moder des Grabes, sondern aus seinen edlen Schriften, die voll Kraft und Leben sind, hergeholt habe. Wer diese an den Hals hängt, und aufs Herz legt (Sprüche Salomos 3,1-4), dem geben sie langes Leben, gute Tage, Frieden, Gnade, Treue und Klugheit, die Gott und guten Menschen gefällt. Sie haben so dann die Kraft alles falsche Leben in dir zu töten, und dir das Leben in deinem ewigen Ursprung wieder anzuweisen, wodurch du von allem Jammer zeitlich und ewig befreit wirst. Das geben uns allen dieses ewiege liebende Gut zu erfahren! Amen.

s. a. www.susohaus.de

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Hildegard von Bingen

Von diesem außerordentlichen Charakter müssen wir hier nun auch ein paar Exempel diesen Versammlungen heiliger Seelen mit beifügen. Es gibt unrichtige böse Gesichter und Offenbarungen, wie es auch falsche Propheten gibt; auch werden manche aus zu starker oder zu schwacher Einbildungskraft geborene Phantasien, und andere erdichtete Mährlein, vielfältig als treue Ware zu Markte gebracht; und da gilt das Wort Sirachs (Sir.19,4), wer leicht glaubet, ist leichtsinniges Herzens, etc. Es gibt aber auch richtige, aus gutem und göttlichen Ursprung herstammende Gesichter, Offenbarungen und Weissagungen: die heilige Schrift ist voll davon, in der Kirchenhistorie und andern echten Schriften findet man auch häufige Spuren und Beweise. Und es ist so weit davon ab, dass Gottes Geist sich irgendwo ein Ziel gesetzt haben sollte, diese seine Kräfte im neuen Testament zurück zuhalten, und nicht mehr (Weish. 7,27) für und für in die heilige Seelen sich einzugeben, Gottes Freunde und Propheten aus ihnen zu machen: dass derselbe vielmehr durch seine alten Propheten schon vorher verkündigen lassen, dass eben in den letzten Tagen diese außerordentlichen Gaben sehr allgemein sein sollten; also, dass (Joel 3.1.6) Alte und Junge, Männer und Weiber, auch so gar Knechte und Mägde weissagen sehen, und Träume haben würden.

 2. Gleichwie man nun, weil es falsche und böse Gesichter, Offenbarungen, Weissagungen, u. dergleichen gibt, behutsam sein muss, dass man nicht alles so ungeprüft annehme: Also muss man, weil es auch wahrhafte und göttliche gibt, an der anderen Seite auch alle Vorsichtigkeit gebrauchen, dass man nicht alles so ungeprüft verwerfe. Weil man weiß, dass es manche falsche Edelsteine gibt, deswegen wirft man nicht flugs alle hinweg. Drum so lasse man in dieser ungläubigen letzten Zeit, Pauli Spruch auch noch gelten, den (1. Thess. 5,19,20) Geist dämpfet nicht, die Weissagungen verachtet nicht.

 3. Wenn aber geübte und erleuchtete Mystici raten, man solle dergleichen außerordentliche Dinge ja nicht begehren; und wo man solche empfangen, nicht groß achten; sich nicht dabei aufhalten, vielmehr vorüber gehen; damit man weder verführet noch aufgehalten werde; sondern in freier Geistesabgeschiedenheit und reinem Glauben Gott über alle Dinge anhangen, und zu seiner unmittelbaren Vereinigung fortschreiten könne: wenn sie also raten, dann betrachten sie die Sache mit Absicht auf diejenigen Personen, welche solche erfahren oder erfahren könnten; und da sind solche Verwahrungen richtig und nötig. Wir aber betrachten hier diese Dinge mit Absicht auf uns, wie wir solche ansehen und aufnehmen sollen: und da können wir, nach der Wahrheit (und auch nach solcher Männer Geständnis) nichts anderes sagen, als dass wir verpflichtet sind solche Sachen (nachdem sie bewährt erfunden worden) mit gebührender Ehrfurcht anzunehmen, und uns selbige bestens zu Nutze machen. Wir gestehen auch dieses, dass nichts außerordentliches ein bindender Beweis von der Heiligkeit, will geschweigen größeren Heiligkeit einer Person sei; manchmal werden solche Sachen auch noch gar nicht weit geförderten Seelen mitgeteilet; dass aber auch göttliche Offenbarungen, Gesichter, usw. bei sehr erhabenen und apostolischen Ständen wohl bestehen können, kann das einzige Exempel jenes Adlers, des Apostels Johannis genugsam beweisen.

4. Bei Prüfung solcher Sachen, setzt es nun freilich einige Schwierigkeiten. Denn zu geschweigen, dass nicht ein jeder den Geist der Prüfung inwendig bei sich hat; so finden wir auch, dass Gottlose bisweilen richtige Offenbarungen (Bileam, 4.Mos. 22,23-24) gehabt; wahre Propheten hingegen wohl einmal aus eigenem Geist oder (Nathan, 2.Sam. 7,2-3) Gutdünken geredet haben; und noch öfter finden wir, dass diese auf Gottes Befehl etwas geweissaget, welches nach dem Buchstaben (Jes. 38) keineswegs erfüllet worden; weil entweder die Menschen, die es betraf, sich zum Guten (Nathan) oder Bösen (Jer. 18,7-8) geändert, da dann Gott auch sein Wort gewendet; oder aber, weil Gottes Worte nicht nach Gottes  (1.Sam. 2,30-32) Meinung verstanden und applicirt wurden.

5. Dem allen aber unbeachtet gehet derjenige, unseres Erachtens, hierbei sicher und Gott gefällig zu Werk, der sich bei dem vom Heilande selbst gegebenen Probierstein feste hält; dass man es nämlich (Mathh. 7,16) an den Früchten erkennen werde, welche wahre oder falsche Propheten seien; welcherlei Früchte und Kennzeichen einer guten Geistesbewirkung uns unter anderem Paulus, Gal.. 5,22 und Jakobus, Kap. 3,17 deutlich benennet haben. Solchem nach, wenn ich finde, das eine Person in unaffectirter Gottseligkeit und Demut lebet; dass ihr Gemüt und Wesen beruhiget, und ihr Umgang erbaulich sei: dass sie auch bei Erfahrung solcher Außerordentlichkeiten noch gottseliger und demütiger wird; dass sie solche zu erfahren oder auszubreiten nicht triftig, sondern dabei vielmehr in heiliger Furcht und Abgeneigtheit stehet; dass sie auch bis zum seligen Tod Gott getreu bleibet; und was den Inhalt an Offenbarungen, Gesichter u.s.w. betrifft, dass selbiger mit der Heiligen Schrift übereinstimmet, oder doch (Gal. 1,8) im geringsten nicht zuwider, sondern Gott verherrlichend und zu Gott leitende sei: und wo auch noch über dieses, im Punkt der Weissagungen, einiges, so man natürlicher Weise nicht vorher wissen können, durch den Ausgang schon als Wahrheit ist bewiesen worden: wenn ich sage, sage ich, solche Merkmale in einer Person, und ihren außerordentlichen Dingen finde, da würde ich mich einer großen Verwegenheit und strafbaren Undankbarkeit gegen Gott schuldig machen; wo ich solche Zeugnisse verwerfen, oder in den Wind schlagen, und nicht vielmehr mit gebührender Hochachtung annehmen wollte

6. Solche Früchte und Merkmale nun insgesamt, finden wir in diesen heiligen Seelen, und in dem Wenigen, so wir hier von ihren außerordentlichen Geistesgaben zur Probe der Kirchen Gottes in deutscher Sprache mitteilen.

7. Sowohl der Hl. Hildegardis, als auch der Elisabeth Gesichter und Offenbarungen sind am ersten zu Paris 1513, in Folio, herausgekommen, jene unterm Namen Scivias in drei Büchern, diese in sechs Büchern; wobei noch, außer denen zu anfangs stehenden Büchern des Apostolischen Mannes Hermas, und des H. Roberti Offenbarungen, auch zu Ende beigefüget sind die Offenbarungen der heiligen Mechtildis. Dieser raren Edition haben wir bei Ausfertigung dieser Lebensläufe uns bedienet; dabei aber auch gebraucht der Hildegardis Briefe, Lebenslauf und andere Tractätlein, welche in Quarto zu Köln 1566,herausgekommen, unter dem Titel: S.Hildegardis Epistolarum Liber & c. Trithemius  benennet noch andere Schriften der Hildegardis, die wir nicht gesehen; wie er dann auch 135 Briefe benennet, deren wir doch nur etliche und fünfzig gefunden haben.

Gottfried Arnold, der die Hildegardis selbst für eine gottselige und erleuchtete Person gehalten, welche die Gabe der Weissagung gehabt hätte, bezeuget am andern Ort, dass sie nicht nur von Römischer, sondern auch von Protestantischer Seiten gerühmet und gebilliget werde: wobei er dann die Centuriatores Magdeb. und des Cave H.L.p.476. anführet. Von den Röm. Katholischen sind die vielen Lobsprüche anzuführen überflüssig.

8. Die Elisabeth von Schönau wird zwar auch von Römischen und Protestanten  als eine heilige Seele gerühmet; sie sind aber doch mit allem, was in ihren gedruckten Büchern sich befindet, nicht recht zufrieden. Da hat man nun wohl hauptsächlich sein Auge auf die ihr zugeschriebene Offenbarung von denen 11000 Jungfrauen: Wir können unterschiedliches zu ihrer Rechtfertigung darauf antworten, dieses eine aber sei schon genug, dass weil sie noch bei ihrem Leben, in einem an die Hildgardis geschriebenen Briefe, darüber sich beklaget (Libr.Epist.Hildeg. p.m.111), dass einige aus ihrem eigenen Geist Dinge schrieben, und unter ihrem Namen herum tragen; wir alle Ursache zu gedenken haben, dass diese vergebliche Offenbarung untergeschoben sei. Hier haben wir nicht das Geringste von dergleichen verdächtigen Stücken berühret; sondern alles prüfende, das unstreitig Gute und Göttliche daraus behalten, im Vertrauen, dass denen Guten alles Gute Wert, und noch manchem erbaulich sein werde. Wozu es der Herr segnen wolle.

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Johannes vom Kreuz

Dass wir Sünder durch Christum wieder mit Gott ausgesöhnet worden, und durch sein Blut allein den freien Zugang zu ihm und zu seinem Reich haben, ist eine anbetungswürdige Gnade. Dass wir aber auch den Verleugnungsweg gehen, und mit leiden müssen (Röm.8,17), wann wir mit verherrlichet werden wollen, wird dadurch keineswegs ausgeschlossen, sondern als eine unausbleibliche Frucht und notwendige Folge mit eingeschlossen; sintemal es doch einmal unmöglich ist, dass die, so nicht reines Herzens sind, in der Zeit oder in der Ewigkeit Gott schauen können. Wer das leugnen wollte, würde damit zu erkennen geben, dass er weder die Schrift wüßte, noch unser Erlösungswerk im Zusammenhang begriffe, dass er auch weder sich selbst, noch Gott, noch den großen Abstand der Unreinigkeit von der Reinigkeit durch Erfahrung erkannt hätte.

2. Es irren darum diejenigen nicht allein, welche sich das Verdienst Christi, und die Verheißungen des Evangeliums ohne Buße und Sinnesänderung zueignen, und eine solche selbstgewirkte Zueignung für den Glauben halten; sondern auch die Anderen bleiben vom Ziel zurück, welche, nach Erfahrung einiger Gnadenblicke, oder auch der wirklichen Vergebung ihrer Sünden, fluchs meinen, nun seien sie auf einmal fertig, und läge ihnen weiter nichts ob, als nur von ihrem versicherten Heil zu singen und zu sagen, und dem Heilande Seelen zu gewinnen.

3. Es ist wohl an dem, das wenn eine bußfertige Seele des Reichtums göttlicher Barmherzigkeit in der Vergebung ihrer Sünden wahrlich teilhaftig wird, selbige alsdann merklich spüre, wie dass sie, unangesehen ihrer Sünden und Unreinigkeit, dennoch Hoffnung und Vertrauen zu Gott habe möge, und dass er ihr, anstatt der verdienten Strafe, Gunst und Gnade widerfahren lasse. Allein, wo sie nur mit ihrem Herzen in dieser Gnade bleibet, da wird sie bald inne, dass dieselbe kein so vorüber gehendes oder totes Ding sei, sondern eine lebendige und geschäftige Kraft des Geistes Jesu, wodurch sie unterwiesen wird (Tit.2,11.12), wie und was sie zu verleugnen, und welcher Gestalt sie züchtig, gerecht, und innerlich gottesdienstlich vor ihrem Gott wandeln, und eben wegen der noch bevorstehenden großen Verheißungen (2.Kor. 7,1) sich müsse reinigen von allen Befleckungen des Fleisches und des Geistes, und ihre Heiligung vollbringen in der Furcht Gottes. Diejenige, welche nicht dergestalt die Notwendigkeit einer gründlichen Reinigung und Heiligung erfahren, mögen zweifeln, ob sie richtig in der Gnade stehen, und nicht zu verfremdet von dem, was in ihren Herzen vorgehet, in den Tag hinein leben.

4. Zwar wir können und sollen es nicht so in eigener Kraft tun, sondern, wie gesagt, die Gnade tut´s, der wir aber Raum geben, und im Glauben gehorsam werden müssen. Und das erfährt auch die Seele unter solcher Arbeit, und bei anwachsendem Licht immer mehr, dass sogar ihre besten Bemühungen und Mitwirkungen mit der Gnade nicht zulänglich sind, die tiefen Wurzeln ihrer Selbstliebe und den Abgrund des Verderbens auszurotten. Dazu muß Gott selbst noch sonderlicher seine Hand anlegen, um eben diese (Joh. 15,1) fruchtbringende Rebe zu reinigen, und solche Seelen auserwählt zu machen im Ofen des Elends (Jes. 48,10). Und könnte man dasjenige, was zuförderst durch der Seelen treue Mitwirkung geschieht gar füglich eine wirksame Reinigung, dasjenige aber, was von Gott  und zwar (1.Petr. 1,6) durch Leiden und mancherlei Versuchungen vorgenommen wird, recht eigentlich eine leidentliche Reinigung nennen. Wird man durch jene erstere in etwas gereiniget von den Befleckungen des Fleisches, so feget diese letztere den Schaum der Befleckung (2. Kor.7,1) des Fleisches und des Geistes aufs lauterste weg, und ist, laut der Schrift (2.Kor.6,17.17), die notwendige und nächste Bereitschaft zur völligen Inwohnung Gottes in uns.

5. Nun ist es aber so weit davon ab, dass solche Wege der Reinigung und der Vollendung unserer Heiligung dem alleinigen Bauen auf Christi Verdienst und pure Gnade sollten entgegen sein, dass vielmehr in und durch dergleichen göttliche Führungen diese große Wahrheit immer mächtiger in der Seelen exaltiret und verkläret wird, von einer Klarheit zur andern; indem ihr das verdeckte Bauen und Stützen auf sich selbst, und auch alles, was im Geistlichen nicht bloß Christus und sein Werk ist, immer tiefer wird aufgedeckt und weggeschmolzen, und die Seele also zubereitet, sich immer gründlicher zu verlassen, um (Phil. 3,9) völlig in Christo erfunden zu werden; da sie nicht mehr lebet (Gal. 2,20), sondern nur Christus in ihr. Fürwahr wer durch einige Erfahrung erkannt hat, die auf diese Leiden (1.Petr. 1,11) in Christo darnach folgende Herrlichkeit, der wird sich nicht lange wider diese heilsame Kreuzeslehre wehren, sondern sie gerne mit zum Evangelium nehmen.

6. Den Anlass zu diesem Vortrag gibt mir der Mann, dessen Leben wir hier vor uns haben, als welcher sonderlich von diesen Wegen der Reinigung zur göttlichen Vereinigung, aus tiefer Erfahrung, Zeugnis gegeben hat in seinen herrlichen Schriften, woraus wir hier im 8. Und 9. Kapitel einen kurzen Abriss  und Auszug mitteilen. Wer dem nun zustimmet, was wir allererst vom Geheimnis des Kreuzes gesagt haben, der wird auch die Schriften des Johannis à Cruce ohne Anstoß, ja mit Nutzen lesen, und zugleich jenen evangelischen Lehrer (Gottfried  Arnold) verstehen können, da er von demselben dieses Zeugnis gibt: „Dieser Mann hat in seinen mystischen Schriften so gar offenbare Zeugnisse von dem wahrhaftigen Evangelio Jesu Christi, und dem Weg zur Vereinigung und Gemeinschaft mit Gott hinterlassen, dass seine Praxis im Leben ohne Zweifel nach dem Grunde übereinstimmen müsse, usw“.

7. Eben dieser Herr Arnold sagt an  anderer Stelle: Es habe derselbe an Weisheit und Tiefe des Ausdrucks wenige oder fast niemand seines gleichen, wie ein jeder, der den Geist der Prüfung vom Vater empfangen, bekennen würde uswDer Herr Poiret weiß den à Cruce nicht genug zu rühmen; sein Zeugnis kann man am unten angewiesenen Orte (Biblioth.Mystic.pag.330) unter anderem nachsehen; und nennt er ihn sonst einen hocherleuchteten, englischen, tiefen, gründlichen und gelehrten Mann. Wie dann auch noch unlängst der Herr Daniel Wille, ein wie ich meine noch lebender Ref. Prediger in der Schweiz, sich nicht gescheuet hat, das erste Kapitel seines Rätselbüchleins ganz von unserem à Cruce zu entlehnen, und in seiner nachmaligen Erläuterung zu verteidigen als feste, und in Gottes Wort gegründete Wahrheitsrätseln vom Weg zu Gott, welche kein redlicher Christ umstoßen würde.

8. Nachdem er unter den röm. Katholischen öffentlich kanonisiert, auch seine Lehre von manchen gründlich verteidiget worden, wäre es ganz überflüssig, deren Zeugnisse und Lobreden hier anzuführen.

9. Seine Schriften sind aus der ursprünglichen spanischen Sprache übersetzt, und Französisch gedruckt zu Paris 1665, welches die fünfte Edition der alten Übersetzung ist. P. Maillard hat sie 1694 in  Französisch ausgegeben, aber Veschiedenes weggelassen. Lateinisch sind sie in Colon 1639 und 1710 und auch zu Amsterdam gedruckt. Die Deutsche Version zu Prag 1697 ist undeutsch und nicht wohl zu brauchen. Man hat sie auch in brabändischer und andere Sprachen übersetzt.

10. Zu diesem seinem kurz gefassten Lebenslauf haben wir, nebst seinen Schriften, nicht nur sein Leben, so wie es bei seinen Werken zu finden, sondern auch so wie es 1676 zu Lyon, und gar weitläufig 1638 zu Paris gedruckt worden, uns bedienet, und aus allen das Nötigste und Nützlichste hier eingebracht. Welches Gott segnen wolle!

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Juliana von Norwich  (1342 – 1413)

Diese heilige Jungfrau Juliana, welche im 14. Jhdt. in England lebte, ist unter allen Parteien sehr unbekannt. Und würde auch vielleicht ihr Name und von Gott empfangene Gnaden vor den Menschen verborgen geblieben sein, wenn nicht endlich ein Benediktiner, Serenus Dreffy, die göttlichen Offenbarungen der göttlichen Liebe, welche diese heilige Einsiedlerin gehabt in englischer Sprache im Jahr 1670 herausgegeben hätte. Ein altes Manuskript von diesen Offenbarungen hab ich auch in des seligen Poirets Bibliothek gesehen. Doch ist eins so wohl als das Andere in der englischen Sprache, hab auch nie von einer Übersetzung in einer anderen Sprache etwas gehöret. Es verdiente aber doch dieses Büchlein eine Übersetzung ins Deutsche, wie man aus diesem Auszug wird schließen können. Weil aber die Sprache alt, ihr Ausdruck einfältig, und der Sinn doch öfters tief ist: so müsste einer, der das tun wollte, das erforderliche Licht haben, und daneben (wenn ich nicht irre) nicht nur die englische, sondern auch die westphälische Sprache verstehen.

2. Deswegen hoffe ich, es werde nicht nur manchem angenehm, sondern (welches das Fürnehmste) auch erbaulich, und Gott verherrlichend sein, dass ich bei dieser Gelegenheit diesen kurzen Auszug zu einer Probe ans Licht bringe.

3. Fürwahr, wenn man ansiehet, was in dieser Juliana, in der Siena, in der Mechthildis, u. a. m. von dem Werk unserer Erlösung durch Christum, von der unbegreiflichen Menschenliebe Gottes, von dieser Herzenskinder vertraulichen Unterhandlung mit Gott, und Gottes mit ihnen, und von andern Materien des innern Christentums vorkommt: so muss man gestehen, dass die wahre evangelische Gnade reichlich in ihnen gewohnet habe; und müsste einer tot und blind sein, wer das ohne inneres Gefühl könnte lesen, oder wohl gar für Weiberphantasien  halten wollen. Wir gehen weit verständiger zu Werk, wann wir die folgende herzliche Erinnerung unserer Juliana zu Herzen nehmen; welche als ein Zeugnis ihres kindlich demütigen Sinnes, und zugleich als eine Einleitung in diese Sachen dienlich sein kann.

4. „Ich lernte,“ spricht sie, „ in diesem geistlichen Gesicht, dass unseres Gottes Meinung wäre, dass dieses mir (die ich meinte zu sterben) gezeiget würde für die, welche leben blieben. Und darum, wann ich von mir selbst rede, so meine ich alle meine Mitchristen. Deswegen so bitte ich euch alle um der Sache Gottes Willen, und rate euch, eures eigenen Nutzens wegen, dass ihr keineswegs sehet auf die Elenden, welchen diese Dinge gezeiget sind; sondern dass ihr mächtiglich, weißlich, und demütiglich in Gott schauet, der durch seine Freundlichkeit, Liebe und unendliche Gutheit, dieses uns allen insgemein, zu unserem Trost hat wollen zeigen: denn es ist Gottes Wille, dass ihr es annehmet mit großer Freude und Wohlgefallen, wie es Jesus Christus euch gezeiget hat. Denn deswegen bin ich nicht gut, weil mir solches gezeiget worden, sondern wenn ich Gott so vielmehr liebe: und in so weit als ihr Gott desto mehr liebet, so ist es mehr für euch als für mich. Ich sage diese Dinge nicht zu denen die weise sind, denn die wissen es wohl: sondern ich sage sie zu euch, die ihr einfältig seid, zu eurer Erquickung und Trost; denn wir sind alle einer in der Liebe. Denn fürwahr es ward mir nicht darum gezeiget, als wenn Gott mich mehr liebete, als die geringste Seele, die in der Gnade stehet; sondern ich bin gewiß, dass mancher ist, der niemals eine andere Eröffnung oder Gesicht gehabt, als die gemeine Lehre der Kirchen, welche doch Gott besser liebet als ich. Und wenn ich auf mich selbst insonderheit sehe, dann bin ich ein rechtes Nichts, usw.“ 

Link zu einem Auszug aus“Offenbarungen göttlicher Liebe, ¨
übers. E. Strakosch,(Einsiedeln,1960) http://www.hoye.de/mystik/juliana.pdf

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Katharina von Siena

Fürwahr, wenn ein Sünder zu der edlen Tat der reinen Liebe gelangen möchte, dass er, mit gründlicher Vergessung und Drangebung seiner selbst, sich wahrlich Gott überließe, und demselben Vollmacht gäbe in Zeit und Ewigkeit mit ihm zu machen was ER immer wollte; nicht achtend oder ansehend sein Weh oder sein Wohl, sondern bloß Gott, und dass der nur möchte geehret, geliebet und vergnüget werden. Über einen Solchen würde Zorn und Hölle keine Macht mehr haben; sondern seine Sünden, wenn sie auch noch so groß wären, würden eher vergeben und verzehret sein, als ein wenig Flachs in einem glühenden Ofen; ja, diese Liebe würde ihn heilig und göttlich machen.

2. Nun sind wir zwar, nach unserer angeborenen Art, ganz gewurzelt in der kindlichen Eigenliebe, und durch dieselbe so zu uns selbst gekrümmet, dass wir Gott nicht ansehen, lieben noch vertrauen können. Es muss und es will uns aber der Sohn Gottes selbst, durch seinen heiligen Geist (Röm. 5,5), diese Liebe in unsere Herzen ausgießen; nachdem ER in seiner Menscheit unsere Sünden auf sich genommen, und durch eben diese reine Liebe uns wieder mit Gott völlig ausgesöhnet hat. Und mit einer solchen freien Liebe Gott dienen, das ist erst mit Nachdruck Christentum; da wohl sehr zu bedauern, dass auch fromme Menschen so lange, wenn nicht ihr Leben lang, zappeln in dem ängstlichen Beschäftigen und Sorgen für sich selbst; ohne dass sie einmal ihre eigenen Absichten dran geben, sich Gott anvertrauen, und nur reine Liebe suchen in dem Herzen und Angesicht Jesu Christi. Ach, (1.Joh. 4,19) lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.

3. Von dieser Materie hat die Katharina von Siena durch ihr heiliges Leben und Schriften gezeuget; und zwar mit einer solchen evangelischen Lauterkeit, Einfalt und eindringenden Kraft, dass ich nicht weiß je ihres gleichen in diesen Stücken gefunden zu haben. Diese reine Liebe ist der Grund ihrer Gottseligkeit und Lehre: Solche zu erlangen, und die Eigenliebe zu zerstören, müsse man, nach vorher gegangener Erkenntnis seiner selbst, in Gottes Licht sonderlich erkennen, die freie und reine Liebe Gottes, der 1)  den Menschen allein, aus freiwilliger Bewegung seiner Liebe, und bloß zur ewigen Glückseligkeit erschaffen. Und nachdem er durch die Sünde verloren, ihn 2.) auch aus purer Liebe, durch das Blut seines Sohns wieder erlöset hat. Und ihn 3.) nun auch bloß aus Liebe, zu seiner Wiederbringung, erhält; und alles, auch das Allerschmerzlichste, demselben aus Liebe, zu seiner Heiligung zuschicket, was ihm nach Seele oder Leib in dieser Welt begegnet.

4.  Hauptsächlich aber erhebet sie das Gemüt zur Beschauung der reinen Liebe Gottes in Christo; da ER uns erlöset hat, und erlöset durch das Blut seines geliebten Sohnes; dieses Blut ist ihr eigentlicher Charakter, ihre Speise, ihr rechtes Element; darin badet sie sich im Glauben, und da ziehet sie ihre Leser (sonderlich in ihren Briefen) unvermerkt mit hinein; damit man durch dieses mit Feuer vermengte Blut, wie ihr Ausdruck lautet, versöhnet, belebet, und entzündet werde in der reinen Liebe Gottes, vergessende seiner selbst, und aller eigenen Absichten, um Gott mit unermüdeter Treue, und kindlichem Vertrauen zu dienen. Ersäufet, spricht sie irgendwo, alle knechtische Furcht in dem Blut des Lammes. Und an anderer Stelle: Gebet, gebet doch euren Seelen zu trinken von dem Blut Jesu Christi; damit sie in Liebe entzündet zum Kampf laufe, und getrost streiten möge. Ja diesem Blut schrieb sie gar alles zu und sagte: Auch das Blut der Märtyrer ist nichts geachtet, als nur wegen der Vereinigung mit dem Blut des Lammes. Diese Stellen fallen mir nur noch in die Augen, im Lebenslauf selbst ist ein mehreres zu lesen. Ihre Reden von dieser Materie erwärmen das Herz,  flößen ein süßes Vertrauen und Mut ein, sich Gott und seinem Dienst gründlich aufzuopfern; Und fühlet man bald, dass sie aus einem göttlichen Ursprung kommen, als was heut zu Tage in dieser Materie von einen zu seicht und zu leicht vorgetragen wird.   

5. Die Briefe dieser heiligen Seele, deren man noch 375 an allerhand Standespersonen geschrieben übrig hat, sind 1644 französisch zu Paris in Quarto gedruckt. Die von ihr selbst diktierten sechs Gespräche sind 1583 lateinisch zu Ingolstadt, und zum Teil holländisch zu Ghent 1717 herausgegeben. Ihre Betrachtungen über die Passion hat ihr Beichvater Raymundus de Capua ediret, wie dann auch eben dieser ihr Leben beschrieben, so wie man es auch in deutscher Sprache, Augsburg 1619 übersetzt hat. Weil ich aber von diesem ihrem Leben ein lateinisches 1415, auf Pergament geschriebenes Exemplar zur Hand habe, so hab ich dieses Manuskript, neben dem gedruckten, zu diesem Auszug gebraucht; und sonst aus ihren Schriften, sonderlich den Briefen, verschiedenen schöne Stellen mit eingefügt.

6. Die Zeugnisse von ihr sind bei den Gelehrten sehr schön; Sandaeus sagt: Ihre Schriften halten in sich eine ganz göttliche Weisheit und Anführung zum heiligen Leben, und sind sonderlich ihre Briefe nützlich; wie wir dann selbige vor diesem fleißig und mit Nutzen gelesen haben. Fast eben dieses wiederholet der Kardinal Bona, vieler anderer zu geschweigen.

7. aus den Protestanten sagt einer: Dass ihre Gottseligkeit ungeheuchelt, ihre Keuschheit und Reinigkeit des Lebens unbefleckt, und die Liebe gegen die Armen, wie auch der Eifer über die Kirche sehr groß gewesen. Und in ihren Schriften bemerket eben derselbe eine wunderbare Einfalt der Worte, und in ihren Briefen eine große Gottseligkeit und Gravität. Der Herr Arnold führet auch aus Kortholt, Micraelio, Mart Geier die Zeugnisse: dass ich jetzt von dem Herrn Poiret nichts sage. In ihrem Leben ist sie bei Päbsten und Königen, Hohen und Geringen in großem Ansehen gewesen, ob sie gleich so ein junges und ungelehrtes Mägdlein war; und mögen durch sie allein mehrere Seelen sein bekehret worden, als durch eine ganze Schar Kirchenlehrer ihrer Zeit. Es geben Gott, dass diese Erneuerung ihres Andenkens auch noch gesegnet sein möge!

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Margaretha von Beaune

Jesus ist der allein würdige und unentbehrliche Vorwurf (Vorbild) des Glaubens, und zwar Jesus ganz und in allen seinen Ständen. Jesus der Gekreuzigte ist ein voller offener Brunnquell der göttlichen Barmherzigkeit, Liebe und Kraft. Der Glaube sieht in IHM, und nimmt aus IHM, die Vergebung aller Sünden, die kindliche Zuversicht, und den freien Zugang zum geöffneten Vaterherzen; aber zugleich auch einen Reichtum der Kraft und Willigkeit, mit Jesu zu leiden und mit IHM zu sterben der Sünde, der Welt, und allem Leben der Eigenheit, um allein dem zu leben, der für uns gestorben und auferwecket ist.

2. Jesus aber ist nicht nur Mensch worden, um für uns Menschen gekreuziget zu werden: Mensch werdend, musste er ein kleines Kindlein werden, und von seiner Geburt an, war er schon eben derselbe unser Jesus, und vom Vater geschenkt zum seligmachenden Vorwurf unseres Glaubens. Er musste ein Kind werden, nicht nur um unserer Kindheit und Jugendsünden zu büßen, und solche Lebensalter durch sein Verdienst und Vorbild zu heiligen; sondern ER hat uns auch in seiner Menschwerdung die Pforte unserer Wiedervereinigung mit Gott eröffnet; dabei auch gezeiget, dass gleichwie ER, eben in dem Punkt der Kindheit die Menschheit angenommen, also auch wir, wo wir anders je mit Gott wieder vereinigt sein wollten, nicht müssten große und selbstkluge Leute bleiben, sondern umkehren und werden wie die Kindlein. Dies aber nicht allein, sondern es ist uns auch, in der Geburt und Kindheit Jesu, dieses Kinderwesen, das ist, die in Adam verlorene Unschuld, wieder geschenkt; das Kind Jesus ist uns ein Quellbrunne der vollkommensten Unschuld, Einfalt, Reinheit, Kleinheit und Abhängigkeit. Der Glaube kann es da sehen und nehmen. Wir sollen uns nur mit diesem Gottkinde vereinigen, selbiges in uns herrschen, leben, und von seinen göttlichen Kinder-eigenschaften durchdringen, und nach diesem schönsten Bilde uns bilden lassen. Um einmal durch diesen unseren großen Hersteller dem Vater wieder eingehändiget zu werden, in der Gestalt, wie uns seine göttliche Hand anfänglich gebildet hat (Jes. 8,18): Siehe hier bin ich, und die Kinder, die mir der Herr gegeben hat.

3. Doch solche Kinder sind recht zum Zeichen und Wunder in Israel worden. Denn wie Jesus in allen seinen Ständen ein würdiger Vorwurf des Glaubens ist, so ist hingegen, nicht nur Jesus der Gekreuzigte, sondern auch Jesus im Stalle zu Bethlehem, der Vernunft und dem Unglauben (1.Kor. 1,22) eine Torheit und Ärgernis. Kinder werden! Das klingt seltsam. Einem Kinde sich unterwerfen! In welchem Lande achtet man das raisonabel? Dass die Weisheit sich bücke vor der Einfalt, der Reichtum und die Hoheit vor der Armut und Niedrigkeit! Wo hat man das gesehen? Und hat man es etwas an jenen Weisen aus Morgenland  gesehen, wer ist so weise und edelmütig, dass er ihnen mit innigster Wahrheit nachzufolgen das Herz habe? Einmal, ihrer sind wenige: Doch aber, Gott lob! Noch etliche hin und wieder, die sich glückselig achten dieses Gotteskind zu verehren, welches schon bei (Hebr.1?) seiner Geburt angebetet haben alle Engel Gottes.

4. Gott, der nach seiner bewundernswürdigen Herunterlassung, tausend göttliche Erfindungen hat, die Menschen zu locken und zu leiten zu dem Stande, worin er sich ihnen mitteilen könne; hat auch gewiss zu solchem Zweck diese Person uns dargestellt, deren Leben wir hier mitteilen, und durch dieselbe uns kund gemacht die Wunder seiner Kindheit, die Andacht zu dieser göttlichen Kindheit wieder erneuert, und vielen frommen Seelen Anlass gegeben, gleichsam einzutreten in diesen Orden der Kindheit Jesu Genossen.

5. Die Reden, und von dem Herrn der Margaretha erwiesenen sonderbaren Gnaden, welche man in ihrem Leben findet, sind teils, und also bald von ihrer erfahrenen Vorsteherin, der M. Marie de la Trinité, aufgeschrieben,, teils von der Margaretha selbst, auf Befehl der Vorsteherin, teils von anderen Augenzeugen die alles nachher förmlich und auf ihr Gewissen haben bezeugen müssen.

6. Der P. Amelote hat selbige Lebensgeschichte aufgesetzt, und 1654 zu Paris herausgegeben, mit einer Dedication an die Königin von Frankreich. Die Vernunft gab unglaublich viele Schwierigkeiten an die Hand, eine so seltsame Lebensbeschreibung gemein zu machen, unter mancherlei Vorwand. Man kann davon die Historie in der französischen Vorrede des Buches lesen. Und wer weiß, ob es nicht gänzlich unterdrücket worden wäre, wenn nicht die sonderbare Affection der Königin zu der Margaretha, da der Herr ihr auf das Gebet dieser seiner Braut einen Kronprinzen geschenket, der Sache das Übergewicht gegeben hätte. Die vielen und langen Widersetzlichkeiten verursachten zwar an der einen Seite, dass diese Sachen von vielen und mancherlei scharfsehenden, berühmten und gelehrten Leuten vielfältig cencuriret, die Wahrheit der erzählten Sachen aufs allerschärfste untersuchet, und bewährt erfunden worden; dass also die Vernunft nun auch so viel weniger Fug hätte sich darüber her zu machen. An der andern Seite aber stehet zu befürchten, dass diese Doctores auch wohl manches als unwert oder anstößig mögen durchgestrichen haben, welches wir gern als edle Gaben des Herrn aufgehoben hätten. Wir werden die wenigste Verantwortung, und den größten Nutzen haben, wo wir bei dergleichen Lesungen, alle Gaben Gottes an seinen Heiligen, zwar mit gebührender Hochachtung und Anbetung seiner überschwänglichen Mildigkeit ansehen; bei dem Außerordentlichen aber nicht stehen bleiben, sondern bei dem Wesentlichen, und was uns eigentlich zur Nachfolge solches Glaubens und zur Reizung der Liebe geschrieben ist.

 7. Die Zeugnisse von der vorhabenden Person und Geschichte, aus der röm. Kirche, hier anzuführen, achtet man unnötig. In dem Französischen findet man weitläufige Approbationes und Lobreden von 5 Bischöfen und verschiedenen Gelehrten dem Werk vorgesetzt, und das ganze 12. Buch ist voll davon. Wer den Markgrafen von Renty kennt, wird sich vergnügen mit dem, was derselbe aus Erfahrung davon geurteilet, und wir drunten angeführt haben. Den Protestanten sind diese Sachen bisher unbekannt geblieben.

Zum Schluß wünschen wir mit unserer lieben Margaretha: Viele Herzen her! Viele Herzen her! Die sich unterwerfen zu den Füßen des heiligen Kindes Jesu. Alle Geschöpfe müssen seine Obermacht erkennen! Alle Geister müssen von ihm abhänglich werden! Amen, Jesu!

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Maria Magdalena von Pazzis  (1566 – 1607)

Das Leben dieser Seele ist anfänglich durch ihren Beichtvater aufgesetzt, und öfters gedruckt worden, wie in italienischer, also auch in anderen Sprachen. Zu Paris ist es 1670 französisch ediret. Was 1693 in Würzburg von dem Leben dieser Heiligen deutsch herausgekommen, unter dem Titel der wunderlichen Predigtkanzel, ist wunderlich genug: die lateinische Edition ihres Lebens, zu Frankfurt, in Quarto gedruckt, ist weit besser; doch findet man ihre Reden und Aussprüche nicht darin. Aber die holländische Edition zu Antwerpen, 1653, hält alles miteinander in sich, was von dieser Person vorhanden. Dieser letzt benannten Edition haben wir uns, bei Ausfertigung dieses Auszugs, bedienet, und möglichsten Fleiß angewandt, einen zwar kurzen, aber doch genugsamen und ordentlichen Bericht von ihrem Wandel, und inneren Führung dem Leser mitzuteilen.

2. Ihr Leben ist ganz von Liebe und Leiden zusammengesetzt. Und weil sie durch die Liebe mit Jesu und mit seinem Kreuz vereiniget war, so hat sie auch durch einen unschuldigen, erbaulichen und tugenvollen Wandel, und nachdrückliche Reden, ihrem sonst ziemlich verfallenen Orden und Vaterland, ein gutes Licht und Reizung zur Nachfolge sein können. Dieser ihr heiliger Wandel gab nun auch wohl einen solchen Eindruck auf die Gemüter der übrigen, dass sowohl ihre Person, als auch die außerordentlichen Sachen, die mit ihr innerlich und äußerlich vorgingen, insgemein noch bei ihrem Leben, geliebet und hoch geschätzet wurden: Allein, wie es auf den Punkt kam, dass sie nachdrücklich auf eine wirkliche Reformation ihres Ordens drang, auch von dieser Materie in der Entzückung (die man doch sonst für göttlich hielt) viele Briefe an die Häupter der Kirchen dictiret; so hielt man doch solche Briefe zurück, aus verschiedene Absichten, wie man dabei setzt, so, dass selbige weder sind gedruckt noch gesandt worden: Ein abermaliger Beweis, dass man die Heiligen nicht ehre, um ihnen zu folgen, sondern damit man von ihrer Ehre sich selber ein Ansehen oder Vorteil erwerben möge.

3. Bei denen Entzückungen, welche dieser Seele sehr gewöhnlich waren, war dieses was sonderbares, dass sie in solcher Entsetzung ihrer Sinne viele nachdenkliche Reden von göttlichen Wahrheiten und Geheimnissen ausgesprochen, und zwar manches in fließender lateinischer Sprache, welche sie noch niemals gelernt hatte; auch sonst so wenig geübet war, dass sie kaum ihr Evangelienbuch lesen konnte. Von diesen ihren ausgesprochenen Reden, welche man, auf der Oberen Befehl, aus ihrem Munde aufschrieb, hat man aber, ihrer Weitläufigkeit wegen, hier nur weniges einfügen können.

4- Dass dieser Person, welche doch von Kindheit an in ziemlicher Unschuld gelebet, und, wie aus allen Umständen zu schließen, durch merkliche Ausbrüche der Eitelkeit und Sünden sich niemalen viel besudelt hat; nichts destoweniger, mehr als einmal, solche erschröckliche, und etliche Jahre anhaltende Leiden und Läuterungsumstände durchgehen müssen: dabei mag der liebe Gott wohl mit den Zweck gehabt haben, dass sie sich der ihr verliehenen Gaben und Offenbarungen (2. Kor. 12,7) nicht überheben mögte. Wir haben aber nebst dem hohe Ursache, dieses daraus zu lernen: dass wir uns mit keinem verneinenden, und bloß äußerem Christentum befriedigen lassen, als wenn Böses lassen und Gutes tun schon eine Heiligen machte: sondern dass wir es lernen glauben und erfahren, dass unser Verderben sehr groß und tief im Grunde stecke, und nichts wenigeres als die innerlich wirkende göttliche Kraft unseres Heilandes erfordert werde, dieses Übel an der Wurzel zu entdecken und auszurotten, und uns seiner wesentlichen Vereinigung fähig zu machen. Es h at unserem Jesu Leiden und Blut gekostet, wie er uns die Vergebung der Sünden erworben, und das Werk der Erlösung für uns ausgeführet hat: Es gehet aber auch bei uns nicht ohne Leiden ab, wann seine Gnade und Geist dieses große Werk in uns vollendet. Ergeben wir uns nur seiner Liebesleitung in kindlichem Glauben, und lassen ihn unbedingt mit uns machen, so wird das  (Jak. 5,11) Ende des Herrn herrlich sein.

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Marina von Escobar

Man muss gestehen, dass der Weg des reinen Glaubens, da eine Seele dem Zug des Geistes Jesu in ihrem Grunde folgend, sich ausführen lässt aus sich selbst, und allem Geschaffenen, um Gott im Geist und in der Wahrheit anzuhangen, zu dienen, und seiner Gemeinschaft teilhaftig zu werden, der unbetrüglichste, sicherste auch unentbehrliche Weg sei; und dass hingegen derjenige Weg, da die Seelen über und neben dem, auch andere außerordentliche Gnadengaben, Lichter, Entzückungen, Offenbarungen, und andere übernatürliche Mitteilungen erfahren, mancherlei Betrug und Gefahren, in diesem Teil, unterworfen sei.

2. Daraus aber muss der Schluß nicht gemacht werden, dass die Seelen, welche durch solchen Weg gegangen, drum auch wirklich betrogen, und verführet sind, keineswegs. Gott weiß, wie er einen jeden leiten soll und will, und den er bei der Hand hält, der gehet überall sicher. Er, der Paulus durch die Faustschläge eines Satansengel bewahret hat, dass er sich seiner hohen Offenbarungen nicht überheben mögte: der weiß noch tausend andere Mittel, um die Seelen, die nichts als ihn suchen, auch auf ganz unebenen Wegen, sicher zu leiten. Wir sollen nur, so viel an uns ist, das sicherste erwählen, und uns keiner hohen außerordentlichen Dinge, aus Selbstliebe, gelüsten lassen. Im übrigen aber müssen wir Gott, in seinen Führungen und Mitteilungen keine Schranken setzen wollen; sondern alles veneriren, was von ihm kommt, und zu ihm leitet; ungezweifelt glaubende, dass er , als ein unendlich vollkommenes, freimächtiges und gütigstes Wesen, sich auf unendlich verschiedene Arten seinen Heiligen und Geliebten mitteilen könne und mitgeteilt habe, zur Kundmachung seiner göttlichenn Großtätigkeiten und Wunder.

3. Wenn ich nun so mancherlei, auch seltsame und außerordentliche Sachen, in den Leben einiger Heiliger finde, so gehe ich meines Erachtens, nach dieser Spur ganz sicher. Denn gesetzt, es trüge sich als einmal zu, dass von einer solchen Seele, etwas als eine göttliche Ansprache oder Offenbarung angegeben würde, welches aber wirklich nur aus ihren eigenen guten Gedanken entstanden, inzwischen wäre es in sich eine schöne und Gott verherrlichende Wahrheit: Und ich, ohne einem andern die Rechnung machen zu wollen, nähme solches an, wofür es ausgegeben wird, und brauchte es treulich zu meiner Erbauung und Gottes Verherrlichung: so muss ein jeder Verständiger gestehen, dass ich auf solche Weise nicht allein keinen Schaden davon hätte, sondern auch darin gottgefälliger zu Werk gegangen wäre, als wenn ich mich (ohne göttliche Gewißheit) darüber zum Richter, und zugleich in die wichtige Gefahr setze, Gottes Gaben in seinen Heiligen zu verschmähen oder zu verwerfen (s. a. Vorbericht d. Hl. Hildgard).

4. Diese Person und gegenwärtige Lebensbeschreibung wolle dann ein bescheidener Leser auch also brauchen, dass seine Seele Nutzen und Gott Ehre davon habe. Ich hab es unter dem Schreiben, Gott sei Lob, erfahren, dass solches geschehen könne. Nur hüte man sich, wie schon ist erinnert worden, dass man sich in nichts ungewöhnliches verbilde, oder danach gelüsten lasse, sondern man sehe an das Wesentliche ihrer Gottseligkeit: ihre Herzenskleinheit und Reinheit, ihre kindliche Furcht, brünstige Liebe, ihren Leidenssinn, und endlich unverrückten Wandel in dem Angesicht Gottes, welche liebenswürdige Gestalt überall hervorleuchtet. Diese Beschaffenheiten sind uns allen nötig, und machen uns fähig, dass Gott sich uns mitteilen könne, nach seinem Wohlgefallen.

5. Auch im Original besteht diese Lebensbeschreibung fast gar aus der Person eigenen Berichten, welche sie ihren Seelenführern auf Befehl, von Zeit zu Zeit, hat erteilen müssen. Der erst und wichtigste Teil derselben ist von Ludovico de Ponte, der andere aber, welcher die neun letzten Jahre ihres Lebens samt ihrem seligen Absterben in sich hält, von Adrea Pinto Ramirez, der auch einer aus der Societät Jesu, geschrieben worden. Beide Teile sind aus dem Spanischen ins Lateinische übersetzt, und gedruckt, und auch 1700 in deutscher Sprache zu Prag in Folio heraus gegeben worden.

6. Das Ansehen des Ludovico de Ponte gibt der Aufrichtigkeit der Sachen ein merkliches Gewicht, weil er, als ein verständiger und gottseliger Mann, durch seine erbaulichen Schriften sich bekannt gemacht, und dabei ganze 30 Jahre lang der Maria von Escobar Seelenführer gewesen ist. Er starb einige Jahr vor der Maria, und sagte auf seinem Totenbett dieses von ihr: „ Was sich beim Absterben der Maria begeben werde, weiß ich nicht, was aber bei ihrem Leben vorgegangen, das sind die seltsamsten Sachen, welche jemals in den Kirchen Gottes sind geschehen“. Und als er kaum noch reden konnte, fiel ihm noch etwas ein, das er, von dem was mit der Maria vorgegangen, zu verzeichnen vergessen hatte; wie er nun solches durch einen Vertrauten aufschreiben lassen, sprach er: „Herr, nun hab ich meine Pflicht ein Genüge getan, in deine Hände befehle ich meinen Geist“.

7. Die Ehre oder Schande, die man Kindern Gottes im Leben oder Tod erzeiget, beweisen zwar weiter nichts, als die Eitelkeit und Unbeständigkeit der menschlichen Urteile: dass aber unserer Marina, einer von Almosen lebenden 80 jährigen Jungfer; wie sie gestorben, die ganze große Stadt Valladolid, Ehren halber neun Tage nacheinander feierliche Leichbegräbnis gehalten; und sämtliche sogenannte geistliche Orden, auch die, welche sonst einander zuwider sind, darin doch überein gestimmet, dass sie alle und jede dieser Verstorbenen Gedächtnispredigten und Lobreden um die Wette gehalten: solches beweiset doch, meines Erachtens, so viel, dass ihr Leben und Wandel so viel Jahre hindurch ganz untadelig müsse gewesen sein.

8. Johannes Angelus Silesius, nachdem er in der Vorrede seines Cherubinischen Wandersmanns, einige der fürnehmsten Mystischen Lehrer benennet hat, sagt endlich:“ Was man bei jenen von der geheimen Gottesweisheit gelesen, solches wird man am allertröstlichsten mit großer verwunderlicher Begierde und herzlichem Verlangen, abgebildet finden, in dem unlängst herausgekommenen Leben der Ehrw. Jungfrau Maria de Escobar, welche allein, aus gnädiger Verleihung Gottes, alles dessen gewürdiget worden, was jemals alle, dieser geheimen Gotteskunst Erfahrenen insgesamt geschrieben und aufgezeichnet haben“.

9. Dieses über die Maße günstige Judicium, könnte bei einigen, auch Protestanten, wohl ein Verlangen erwecket haben, eine dergleichen rare Lebensbeschreibung selbst zu sehen: Mancher Liebhaber aber sollte recht stutzen, wenn ihm bei der Nachfrage ein ziemlich starker Foliant-Band feil geboten würde. Solche nun hoffe ich wenigstens einen Dienst erwiesen zu haben, durch Ausfertigung dieses kurzen, und doch vielleicht hinlänglichen Auszugs, solcher gewaltig großen Lebensbeschreibung, als wodurch ich ihnen die Mühe und Kosten erspare, die Erbauung aber von Herzen gönne, und durch solche meine dran gewandte Arbeit übrig bezahlt achte.

10. Die große Abgeneigtheit der Maria, außerordentliche Dinge zu erfahren, hab ich zwar in der Geschichte selbst einigemal berühret, vielfältig aber, den Raum zu ersparen, übergangen. Sie tat auch nach so überaus vielen Versicherungen so sie bekommen, darin solchen Widerstand, der manchmal zu weit zu gehen schien. Kurz, ich glaube, dass Johannes a Cruce und Franziscus de Sales an ihrer Behutsamkeit bei Erfahrung dieser Dinge, nicht das geringste hätten auszusetzen gehabt.     Gott lasse es alles zu seiner größeren Ehre nützlich sein!

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Nikolaus von der Flüe  ( gen. Bruder Claus von Unterwalden, 1417-1487 )

Nicht allein dieses Mannes heiliges Leben, sondern auch seine außerordentliche, und aller Vernunft unbegreifliche zwanigjährige Enthaltung, ist durch eine solche Menge unverwerflicher Zeugen und unläugbarer Proben bestätiget, dass die Vernunft selbst keinen Schein, die Sache in Zweifel zu ziehen, hat ausfinden können; sondern eins mit dem andern von vielen Gelehrten, unter allen Parteien der Christenheit, für wahr erkannt, bewundert und gerühmet wird.

2. In dem Jahrbuch der Pfarrkirche zu Sachseln, findet sich auf das Jahr 1485 folgendes verzeichnet: „ Bekannt und offenbar sei männiglich, daß um das Jahr Christi 1417 war ein frommer Mensch Nikolaus von der Flüe genannt, geboren und erzogen in der Pfarr Sachseln… der seinen Vater, Bruder, und eigene Hausfrau, Söhne und Töchter, als nämlich fünf Söhne und fünf Töchter, verlassen hat, und in ein Wildnis gangen, die man den Ranft heißt, allda ihn Gott erhalten hat ohne Speis und Trank, eine lange Zeit, nämlich achtzehn Jahr, da dies geschrieben worden; und er war noch selbiger Zeit guter Vernunft und eines heiligen Lebens, welches wir gesehen und wissen in der Wahrheit. So lasst uns derowegen Gott bitten; dass, wann er soll von diesem sterblichen Leibe abgefordert werden, er geführet werde an den Ort, allda Gott alle Zähren von den Augen der Heiligen abwischet. Amen“. Im Jahr 1488 steht im Kirchenbuch zu Sachseln der kurze  Bericht vom Leben und Sterben Nikolai. Darauf hat auch 1491 die Obrigkeit zu Unterwalden, die Wahrheit der Sache durch eine authentique und glaubhafte Schrift publizieren und bekräftigen lassen.

3. Der Herr von Gundelfingen, der mit dem Bruder Claus zugleich gelebt, ist der erste gewesen, welcher im ersten Jahr nach dessen Tod, nämlich 1488 sein Leben beschrieben, und der Obrigkeit zu Lucern dediciret hat. Danach 1501 hat ein berühmter Chorherr zu Bern, Heinrich Wölflein, eben dieses Leben beschrieben. Und auf diesen Autoren gründen sich alle folgenden Schreiber; wie er dann auch Fleiß angewandt, nichts zu berichten, als was er bewährt erachtete. Alle solche aber hier anzuführen, die entweder unsers Nicolai rühmlich gedacht, oder sein Leben ediret haben, ist zu weitläufig und auch unnötig.

4. Trithemius ist jedermann bekannt; der hat geschrieben als Bruder Claus noch lebte, und sagt unter andern folgendes von ihm: „Dieser Mann Gottes ist zu dieser Zeit ein Wunderwerk gewesen. Siehe, jetzt ist es schon das zwanzigste Jahr, da er in die Einöde getreten, und keine menschliche Speise genossen hat. Ich rede was jedermann aufs beste bekannt ist, also dass ich nicht verneine, dass ein einziger Mensch in Deutschland lebe, der den Bericht von diesem Wunderwerk nicht gehört habe.“

5. Unter den Protestanten nennet Lutherus selbst den Bruder Claus einen Mitzeugen Christi und hat über ein Gesicht desselben eine Erklärung nach seiner Art verfertiget. Die Catalogi Testium Veritatis, gedenken auch dieses Mannes rühmlich unter den Zeugen der Wahrheit. Wer mehreren Beweis von der Wahrheit der Geschichte dieses Mannes, bei Protestantischen Schreibern nachlesen will, der kann nur sehen was Oswald Myconius, Josias Simlerus, Theod. Zwinger in Theatro Vitae humanae, Stumpfius in der Schweizer Chronik, Sebastian Francke, und andere neuere Seribeuten, davon sagen, deren einige von Godfried Arnold angeführet werden; wie dann auch gemeldeter Arnold, das Leben dieses Mannes aus Johan Henrich Ursino, und andern, zusammen getragen und seinem Leben der Gläubigen mit einverleibt hat.

6. Unter den Römisch-Katholischen ist unser Claus 1669 feierlich beatisteiret, und dessen Geschichte noch 1732 in Lucern gar weitläufig herausgegeben worden; welcher letzern Edition wir uns hier bedienet haben, und dann einer alten, welche 1597 in Costnitz gedruckt worden. In keiner der beiden war des Clausen Tractätlein von der Abgeschiedenheit, welches Petrus Canisius herausgegeben. Wir haben selbiges, nebst einem Brief, so wie es im Arnold zu finden, und auch sonst des Tauleri seinem Tractat vom Armen Leben beidgedruckt worden, hier mit angehängt; dass ich meine, es werde der Leser von des Clausen Lehre und Leben, schwerlich in großen Büchern so viel erbauliches beisammen finden, als hier in diesem Auszug.

7. Von seinem Wunder-Fasten macht man zwar kein Hauptstück der Heiligkeit, verstehet sich auch von selbst, dass es zu keiner Nachahmung erzählet wird: es ist aber doch Gottes Finger. Die Vernunft muss da stutzen, und Gott die Ehre geben, dass er Dinge tun könne, die ihr unmöglich und unbegreiflich sind. Ich denke hierbei, sollte man mit Gott allein nicht satt und selig sein können, bei einer Enthaltung von den eingebildeten Vergnügungen der Eitelkeit, da dieser Mann über dies sogar das liebe Brot mit Vergnügen hat entbehren können, weil Christi Fleisch und Blut seine sättigende Speise war?

8. Sonst kann sein Ernst in Absagung allerDinge, seine Beständigkeit im Kampf und Leiden, sein inniger Wandel im Gebet und unverrückten Abgeschiedenheit mit Gott, welche in dieser Geschichte hervorblicken, uns gewißlich zur Aufmunterung nützlich sein. Von seiner inneren Führung ist wohl das wenigste den Menschen kund worden, allein, in seinem angehängten Tractätlein, Brief und Lehren, sehen wir zur Genüge seinen lauteren Grund, tiefe Einsicht und Erfahrung, in dem Proces der Wiedergeburt und innigem Wandel mit Gott, welches, wie wir wünschen, den Suchern solcher geheimen Spur, noch angenehm und erbaulich sein wird.

ausführliche Website: 

Im Herzen von Europa lebte vor etwas mehr
als 500 Jahren Bruder Klaus. Sein besonderes
Charisma mit der grossen Ausstrahlungskraft
kann auch heute noch viele Menschen auf
sich aufmerksam machen und begeistern.
Wer war Bruder Klaus? Wer ist Bruder Klaus?

 

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