Gerhard Tersteegen (1697-1769)
Gerhard Tersteegen  (1697-1769)

Band II - Lebensbeschreibungen - Vorworte

Nachstehend die Vorworte zu den Lebensbeschreibungen von:

 

Angele von Foligni,

Anna Garcias,

Bruder Lorenz,

Katharina von Genua,

Heilige Theresa von Jesu,

Johanna Maria von Cambry.

 

 

 

Angele von Foligni    ( gest. 1309)

Das Leben und die Schriften dieser seligen Seele, der Angele von Foligni, sind von ihrem Beichtvater (Franziskaner Arnold) lateinisch beschrieben, und nach der Zeit zu Paris, wie auch zu Köln 1601 gedruckt worden; wie sie dann auch in den Actis Bollandi ad 4.Jan. sich befinden; gleichfalls sind sie italienisch vorhanden, Venedig 1680, wie auch französisch zu Paris, und brabändisch zu Antwerpen 1628 gedruckt; bis sie endlich (weil keine französischen Exemplare mehr zu bekommen) der Herr Poiret, unterm Titel der Theolog. de la Croix, zu Amsterdam 1696 heraus gegeben hat. Ein adliches Mägdlein zu Madrid, Francisca de los Rios, soll eben diese Schriften, im zwölften Jahr ihres Alters aus dem Lateinischen ins Spanische übersetzt, und 1618 ediret haben.

Wenn man die Form und ordentliche Einrichtung dieser Schriften ansieht, so muss man nicht meinen, es sei in solcher Ordnung (was die Zeit oder was die Materien betrifft) so nacheinander von der Angele selbst oder von ihrem Beichtvater geschrieben worden. Man hatte ein auf Pergament im Jahr 1415 geschriebenes Manuskript zu Hand, so uns ein anderes  lehret. Dieses Manuskript besteht aus verschiedenen Stücken, deren einige ihr Beichtvater aus ihrem Munde aufgesetzt, andere von einer Gesellin der Angele auch aus ihrem Munde aufgeschrieben, und alles hernach durch ihren Beichtvater ihr wieder vorgelesen worden. Wobei noch hinzukommen unterschiedliche eigenhändige Schriften und Briefe der Angele selbst. Aus allen diesen 15 bis 20 Stücken hat man nach der Zeit die Materien zusammen gelesen, und (sonderlich in der letzten franz. Edition) in eine gar fügliche Ordnung gebracht. Nichts desto weniger haben wir gemeldetes Manuskript bei Ausfertigung dieser Lebensbeschreibung fleißig mit gebrauchet, auch verschiedenes aus demselben hin und wieder mit eingefüget, welches noch niemals gedruckt gewesen, das, und wo sonst eine merkliche Veränderung im Manuskript gewesen mit einem * meistens bemerket worden.

Ob nun wohl die Schriften dieser heiligen Seelen vielen ansehnlichen Autoren, so Bücherregister geschrieben, unbekannt gewesen, so sind sie dennoch von vielen anderen mit Ruhm angeführet und angepriesen worden. Thom. à IEsu sagt: Sie sei eine vom göttlichen Licht erleuchtete und erfahrene Person. Ein anderer nennet sie: eine göttliche Beschauerin. Siehe weiter bei Sanaeo, Sales, Gelen, Bona, Rodriguez, Bernieres, Boudon etc.

Aus den Protestanten führe n un an den einzigen Johann Arnd, welcher sich der Schriften der Angele nicht nur für sich selbst wohl zu Nutze gemacht, sondern auch in seinen nicht ohne Ursache berühmten Büchern vom wahren Christentum gar vieles aus denselben, wie aus andern dergleichen Schriften, genommen hat. Zum Beweis dessen will ich verschiedene Kapitel seines zweiten Buchs hierher setzen, auch die Paginas der Theologie de la Croix dabei anführen; ob es etwa einen Durst erwecken mögte, dergleichen klare Bächlein weiter nachzuspüren, die uns zur Quelle des Lebens hinleiten, woraus sie entsprungen sind.( es folgt eine Aufzählung dieser Kapitel)

Es ist billig, und zum Beweis von der Gewissheit dieser Sachen dienlich, dass wir hier einiges anführen, welcher Gestalt diese Sachen anfänglich aufgesetzt, und von dem, wie es dabei dem Autori ergangen. 
Also lautet dessen eigener Bericht:“ Wie diese heilige Weibsperson anfing ihre göttlichen Geheimnisse mir zu entdecken, sagte sie zu mir die allererstaunlichsten und wunderbarlichsten Dinge der Welt; sie brauchte ungewöhnliche, aber nachdrückliche und lichtvolle Worte. Sie war betrübt darüber, dass sie mir die Sachen nicht so entdecken konnte, wie sie selbige erkannte. Bisweilen, wenn ichs aufs beste, als es mir möglich, aufgesetzt, was ich aus ihrem Munde vernommen hatte, und es ihr darnach wieder vorlas, damit sie es, wo ich etwas gefehlet, verbessern mögte; so sagte sie, nicht ohne Verwunderung, sie könnte nichts mehr davon verstehen. Ein andermal sagte sie zu meiner Bestürzung: Ich schriebe ohne Kraft und ohne Geschmack. Ein andermal sagte sie: Euro Worte erinnern mich dessen wohl, was ich gesagt, aber sie sind gar dunkel, und drücken die Sache nicht eigentlich aus, wie ich sie erkenne. Wiederum ein andermal sagte sie: Ihr habt eben das schlechteste geschrieben, und das wichtigste und köstlichste ausgelassen. Welches alles keineswegs daher kam, als wenn ich vorsätzlich etwas verändert hätte, sondern nur weil lich sie meiner Untüchtigkeit wegen nicht genugsam verstehen, oder nicht geschwind genug nachschreiben konnte, was sie sagte, und daher zu meinem großen Leidwesen  vieles auslassen musste.

In jenem aber, was ich geschrieben, hat Gott mir auf eine empfindliche Weise mit seiner Gnade beigestanden, weswegen ich auch mit großem Respekt und Furcht geschrieben, dass ich ja, von Anfang bis zum Ende, kein einziges Wort von dem Meinigen hinzu setzen mögte; hab auch darum lieber ihre eigenen italienischen Redarten im Latein behalten wollen. Allezeit habe ich es ihr wieder vorgelesen, was ich geschrieben, ja bisweilen mehr als einmal, damit ich nicht als ihre eigenen Worte setzen mochte.

Nachdem ich nun alles geschrieben, bat ich diese gläubige Dienerin Jesu Christi, sie möchte doch den Herrn darum anrufen und fragen, ob ich auch etwas was Unrechtes oder Überflüssiges geschrieben, dass er ihr solches anzeigen wolle, usw. Worauf sie antwortete: Ich hab den Herrn schon oftmals darum gebeten, ehe du mir solches gesagt, dass ER mir zu erkennen geben möchte, ob auch ein unwahres Wort, oder was Überflüssiges sei in dem, so ich gesagt, und du geschrieben. Er hat aber geantwortet: Es sei alles wahr, es sei nichts  falsches oder überflüssiges darinnen. Auch sagte er: Ich hätte mich sehr gemäßigt, denn er hatte vieles zu mir gesagt, dass ich`s sagen sollte, so ich doch nicht gesagt hatte; auch sei alles weit vollkommener zu mir gesprochen. Es sagte auch Gott selbst zu mir also: Alles was geschrieben ist, das ist alles geschrieben nach meinem Willen, es kommt von mir her. Und hernach sagte er: Ich will das Siegel darauf setzen. Wie ich nun nicht verstand, was das sollte gemeint sein: Ich will das Siegel darauf setzen, so sagte er abermal: Ich will es befestigen.

Einmal beichtete mir, der ich dieses schreibe, diese gläubige Dienerin Christi, wie sie zu tun pflegte; dieses geschah nun mit so vollkommener Erkenntnis ihrer Sünden, mit so großer Zerknirschung, mit so tiefer Demut und Aufrichtigkeit, und mit so vielen Tränen von Anfang bis zum Ende, dass ich mich auch des Weinens nicht enthalten konnte, so dass ich es auch in meinem Herzen für völlig gewiss achtete, dass wenn gleich die ganze Welt betrogen würde, Gott dennoch nimmermehr würde zulassen können, dass diese Seele, welche ich so voller Wahrheit und Aufrichtigkeit sah, sollte betrogen werden.
Übrigens hat Gott zugelassen, dass alles was ich geschrieben, auch noch von zwei anderen glaubwürdigen Brüdern nicht nur examiniret worden, sondern dass sie es auch selbst aus ihrem eigenen Munde gehört, und mit ihr darüber gehandelt haben….
Es wolle derjenige der durch den ewigen Geist sich selbst Gott, als ein unbeflecktes Opfer, dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott! Amen“.

 http://www.deutsche-liebeslyrik.de/heilige_liebesspur/heilige_liebesspur13.htm
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Anna Garcias  genannt von Bartholomae         (1549 -1626)  Vorbericht von Gerhard Tersteegen

Anna Garcias wurde am 1. Oktober 1549 eine halbe Meile von der Stadt Ubalda in Kastilien geboren. Der Vater war Fernandus Garcias und die Mutter hieß Maria Mancanas.

Da wir bei Fortsetzung dieser gottseligen Lebensläufe abermals eine einfältige Weibsperson zum Vorschein bringen, und danach noch mehrere dergleichen Exempel werden folgen lassen: so möge es fast für nötig angesehen werden, daß man dem Einwurf derjenigen einmal begegnete, welche aus unbescheidener Geringachtung dieses Geschlechts, so fertig sind für verdächtig auszuschreien und mit Ekel von sich zu schieben, was ihnen nur von derselben Gottseligkeit oder Zeugnissen vorkommen mag: wodurch dann auch blöde Gemüter in ihrer Erbauung  können irre gemacht werden. Weil aber dieser Einwurf und Skrupel schon von vielen gottseligen und gelehrten Männern mit der Waage des Heiligtums gewogen und wiederlegt worden, als achtet man es für überflüssig allhier den Raum damit einzunehmen. Es gilt in Christo weder Mann noch Weib, sondern sie sind alle einer in Ihm. Er hat sich einem samaritischen Weibe, einer Maria Magdalena näher bekannt und gemeinsam machen wollen als den Schriftgelehrten und anderen Männern. In den Märtyrergeschichten hat der Weiber Tapferkeit vielfältig  gleichen Ruhm mit der Beständigkeit der mutigsten Streiter Christi. Zu jeder Zeit und an allen Orten haben die weiblichen Personen nicht den geringsten Teil ausgemacht in den Versammlungen der Frommen.

Fragt man nach der Ursache, so liegt der Bescheid aus des Apostels Worten am Tage:  „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß Er zuschanden mache, was stark ist  usw.“ (1.Kor. 1,27)
Wobei mir auch die Gedanken eines neuen und gründlicheren Autor nicht mißfallen, wenn er spricht:“ Gott wird nimmer aufhören die Schmach zu rächen, welche der Teufel dem weiblichen Geschlechte zugefüget hat; und Er wird, so lang die Welt stehet, sich dieses Geschlechts bedienen, um große Werke der Gnaden auszuführen; und zu jeder Zeit eine oder andere Weibsperson zu einer sonderbaren Heiligkeit und Gottseligkeit zu erheben, damit er nicht aufhöre durch selbige den Teufel zuschanden zu machen….“ (aus Art de Vivre heureux  Kap.7, S. 108.)

Doch man wird hoffentlich in denen Exempeln, welche in diesen Lebensbeschreibungen vorkommen, so viel Grund der ungefärbten Wahrheit und Gottseligkeit antreffen, daß nicht nötig sein wird auf dieser Materie stehen zu bleiben. Sehet nur hier, in diesem vorhabendem Exempel, eine schlechte Bauerndirne von Geburt, deren Taten und Worte zu vernehmen uns weder Schade noch Schande sein wird, zumal der König des Himmels sie seines familiären Umgangs und Gemeinschaft gewürdiget hat. Sehet, das Bild Jesu in ihr: ihre brünstige Liebe zu Gott und zu den Nächsten, ihren Glauben, ihre Geduld, ihre Demut, Unschuld, Verleugnung, Dienstfertigkeit, und andere Tugenden, die sie bei aller Gelegenheit geübet; und wovon sie uns allhier ihre Lektionen so kindlich erzählet.. Noch eins, sehet, wie Gott das Verachtete erwählet und erhöhet; in ihrer Kindheit hütet sie die Schafe in ihres Vaters Haus, in ihrer Jugend lebet sie wie eine geringe Layschwester, in einem armen verhaßten Kloster in  Spanien; sie wird berufen nach Frankreich, und von dannen in die benachbarte Niederlande.

Überall richtet sie Klöster auf, und wird eine Mutter vieler Kinder, die sie für Christo gewinnet; sie fliehet alles Ansehen, wird aber wider ihr Suchen berühmt an allen Orten, so daß auch Könige, Herzöge und Fürsten sich glücklich schätzen sie zu kennen, und sich ihrem Gebet empfohlen haben. Also daß Gott nach dem Buchstaben zu ihr hat können sagen, was Er ehemals zu David sprach: “Ich habe dich genommen von den Schafhürden, daß du sein solltest ein Führer über mein Volk. Ich bin mit dir gewesen, wo du hingezogen bist, und habe deine Feinde vor dir ausgerottet, und habe dir einen großen Namen gemacht, wie der Name der großen auf Erden“ (Sam. 6,8.9).

Es ist dieses Leben von der Anna selbst, nebst einigen Diseursen,  spanisch geschrieben worden, auf Befehl ihres Seelenführers; und sowohl in französischer als niederländischer Sprache mehrmals herausgekommen; bis es 1669 auch in deutscher Sprache zu Köln gedruckt worden, und zwar vermehret mit einem sonderlichen Traktat, von den vortrefflichen Tugenden  und Gnaden der Mutter Anna´s, den ein anderer französisch beschrieben, und dann auch mit einer Beschreibung von dem Leben und Tugenden zwanzig ihrer geistlichen Töchter, worin auch noch viel Gutes zu finden ist.

Dieses letztere Stück hat man in diesem Auszug ganz unberührt liegen lassen, und nur aus dem Übrigen, so viel der Raum zugelassen, das wichtigste hier eingedrücket. Daß man also, fast bis zu Ende, nur die ungeschmückte eigene Erzählung dieser frommen Seele selbst finden wird; wobei überall die demütige Aufrichtigkeit der Autorin in die Augen leuchtet, und beides von der Leutseligkeit Gottes, und von ihrem unschuldigen treuen Wandel in dessen Gemeinsamkeit, ein artiges Zeugnis gibt. Gebe der Herr, daß es tief in unsere Herzen fallen und bekleiden möge.

Die heilige Theresa pflegte öfters von unserer Anna zu sagen: Ich habe den Namen einer Heiligen, aber sie hat die Taten einer Heiligen.

Der wegen seiner Klugheit und Gottseligkeit berühmte Hieronymus Gratianus, zu dessen Lob die Theresa in ihren Klosterstiftungen vieles erzählet, selbiger hat den Geist, Führung und übernatürliche Gaben dieser Anna untersuchtet und bewährt erfunden, wie er dann einen eigenen Traktat in fünf Gesprächen bestehend, davon ausgesetzt hat.  Daß er aber diese seine Untersuchung wohlbedächtig und mit gebührender Vorsichtigkeit vorgenommen, zeiget er, in der Vorrede solcher Gespräche, unter anderem mit folgenden Worten an: „ Unser Amt ist, daß wir, gleich den Goldschmieden, den Probierstein der heilgen Schrift zur Hand haben. Und deswegen ist es sehr wohl getan, wann in einer Seele, die sich dem Gebet ergiebet, etwa ein Stücklein Goldes einer übernatürlichen Erfahrung oder Geistes sich befindet, daß sie solches uns zu Händen bringe; damit wir untersuchen, ob es ein wahres oder falsches Gold, und wie schwer es am Gewicht sei; damit sie nicht betrogen werde von dem, der sich in einen Engel des Lichts zu verstellen pfleget, und für lauter Gold halte, was nur ein falsches Metall ist, und auch damit wir von dem, so sie uns sagen, Gefäße machen, die auch andern zu Nutze kommen…… Dieser Ursachen wegen, hab ich es für gut angesehen, inständig zu begehren und stark darauf zu dringen, daß die Mutter Anna mir einige Sachen ihres Geistes entdecken mögte: denn ob ich wohl viele Dinge weiss, weil es mehr als 48 Jahre sind, dass ich ihrer, und der heiligen Theresa Beichte  gehöret, so hab ich sie dennoch von neuem zu examinieren dienlich erachtet  u.s.w „.

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Bruder Lorenz  von der Auferstehung   (1611-1691)   Vorbericht von Gerhard Tersteegen

Vor Aufnahme in das Karmeliterkloster in Paris, war der bürgerliche Name des in Hermini in Lorthringen/Frankreich  geborenen Bruder Lorenz, Nikolas Herman (Einfügung).

„Was hier unter dem Namen einer Lebensbeschreibung Bruder Laurentii (Laurentius)von der Auferstehung mitgeteilet wird, ist zum Teil schon 1691 zu Paris, sofort nach dessen seligem Absterben herausgegeben worden. Teils aber 1694, auf Befehl des Bischofs von Chalon (welcher danach der gnugsam bekannte Cardinal de Noailles geworden) ans Licht gekommen. Der Autor von dem letzteren, und wie man nicht zweifelt, auch von allem Übrigen, ist gewesen Mr. De Beaufort, Groß-Vicarius des obgemeldeten Bischofs, welcher nicht nur ein guter Freund unseres Laurentii gewesen, sondern auch die allhier Kap. VII angeführte Gespräche aus dessen Munde gehöret, und aufgezeichnet hat.

Der größte und wichtigste Teil dieser Sachen ist denen ersteren Editionen derer Werklein der Mad. Guion, beides in französischer (1699) und in deutscher Sprache (1700, 1706) angehänget worden, in denen neueren aber sind sie weggelassen worden. Allein sie sind Französisch im Jahr 1710 insgesamt und aparte zu Amsterdam gedruckt, unter dem Namen der Theologie der Gegenwart Gottes; und zwar um die Hälfte vergrößert, mit einem erbaulichen Traktat des Herrn Poiret von der Wichtigkeit und Nutzbarkeit der Übung der Gegenwart Gottes, welcher Traktat (samt der noch nicht gedruckten Vermehrung des Autoris) aufs neue ediret, und auch ins Deutsche aufs neue übersetzet zu werden verdienete, weil die Deutsche Edition 1714 gewiß wenig nützet.

Es sind diese  von dem Bruder Lorenz nachgelassene Sachen nicht nur in der Röm.-Katholischen Kirche mit Approbation gedruckt, und mit Begierde aufgenommen worden; sondern auch von den Protestanten geliebet und angepriesen worden: G. Arnold hat die Lobrede von dem einfältigen Glaubens-und Liebeswandel des Bruder Lorenz seinem  „Leben der Gläubigen“ mit angehänget. J.S. Reitz, der auch diese Lebensgeschichte kürzlich anführet, nennet diese Werklein voller Salbung des Heiligen Geistes, und spricht weiter: „ Diese Historie ist so vortrefflich, daß kein Mensch, es sei denn ein recht blinder Eiferer und Sektierer, es verübeln kann, daß sie hierher gesetzet worden“. P. Poiret, der wie gelehrt er auch gewesen, allewege mit sonderbarer Vergnügung in unserm Br. Lorenz zu lesen pflegte, sagt:“ Die Methode des Br. Laurentii ist eine der vortrefflichsten, die man finden mag, so wohl wegen ihrer Einfalt und weil sie aufs Herz gehet, als auch wegen ihrer Leichtigkeit und großen Gründlichkeit, usw“.

In gegenwärtiger Lebensbeschreibung und Anhang wird der Leser alles, was eigentlich von dem Bruder Lorenz vorhanden ist, und sonst unter den verschiedenen Titeln, einer Lobrede, der Gespräche, der Grundregeln, und der Briefe gesehen worden, beisammen finden; und also die ganze Theologie der Gegenwart Gottes, uns allen zur seligen Nachfolge vorgestellet und angepriesen.

Es ist unter allen gottseligen Übungen keine allgemeiner, einfältiger, süßer, nützlicher und welche mehr die ganze Summa der christlichen Pflichten in ein glückseliges Eines verfasset, als die Übung der liebreichen Gegenwart Gottes; nach dem Geständnis aller Heiligen, darin sind Henoch, Noah, Abraham, David, Joseph, und unser Heiland selbst uns vorangegangen und bezeugen es alle Frommen, es sei ihnen gut, daß sie sich nahe bei Gott halten (Ps. 73,28).

Es bestehet aber diese Übung kürzlich darin:
Daß wir einfältig und andächtiglich glauben, daß Gott überall, und auch in unsern Herzen gegenwärtig sei.
Daß ER zu dem Ende bei uns und in uns gegenwärtig sei, damit wir Ihn daselbst anbeten, lieben und dienen sollen, gleichwie ER sich uns daselbst gerne mitteilen, und seine Lust in uns haben will
Daß wir uns demnach dieser Wahrheit des Glaubens öfters auf eine herzliche Weise erinnern, und uns als bei Gott, vor Gott, und in seiner Gegenwart seiende ansehen.
Daß wir diesen unsern gegenwärtigen Gott mit unsern Herzen anbeten, verherrlichen, lieben, und uns Ihm ganz übergeben.
 Daß wir alles trachten zu tun, zu verleugnen und zu leiden, in einem saften und stillen Geist, als in seiner Gesellschaft, nach seinem liebsten Willen, Ihm zu Lieb und Ehren.
 Daß wir uns  auf eine liebreiche und stumme Weise mit Gott unterreden in unserm Herzen, und uns mit Ihm gemeinsam machen, als mit unserm liebsten und besten Freunde. Und zwar zu aller Zeit, und bei allem was uns innerlich oder äußerlich vorkommt, es sei Gutes und Böses.
Daß wir auch zu dem Ende, unter unseren Geschäften, nu und dann ein Augenblick stille halten, um durch einen andächtigen Liebesblick auf Gott uns zu stärken, oder zu erneuern in dieser Übung.
Daß wir wahrnehmen und beantworten, die Liebeszüge und Lockungen Gottes in unserm Inwendigen, wodurch ER uns freundlich erinnern, stillen, sammeln, und mit sich vereinigen will. Und endlich,
daß wir nach einer jeglichen Zerstreuung oder Untreue mit demütigem Vertrauen alsbald zu unserer vorigen Übung wiederkehren, wie ein Kind zu seinem lieben Vater.

Sehet doch, was ist einfältiger und leichter zu fassen, als diese süße Lehre von dem Wege unseres Heils, welche unser armer Ley-Bruder Lorenz deutlicher und kürzer beschrieben, als mancher graduirter Doctor in der Theologie nicht würde tun können. Und kein Wunder, denn darin übte er sich zu aller Zeit und an allen Orten, sowohl bei seinen Schüsseln in der Küche, als in der Kirche und Kammer, beides in gesunden Tagen und in Schmerzen und Krankheiten; damit wir auch an diesem Exempel sehen mögten, daß nicht nur sogenannte Geistliche und Klosterleute, sonder ein jeder in seinem Stand und Ort, in der Gegenwart Gottes, durch dessen Gnade, leben könne; ja, daß nichts leichter und lieblicher sei als eben dieses: wer es versucht, der wird es erfahren.

So gewöhne dich dann nun an den Herrn, meine Seele. Die Gesellschaft dieses Freundes sei dir wertvoller und süßer, als die Dinge dieser Welt. Er ist der getreue Freund, der dein Beistand und Trost sein wird in der Stunde deines Todes, wenn dich alle verlassen. Ja, dann wirst du erst recht anfangen der herrlichen undseligen Gegenwart deines Gottes zu genießen, und bei dem Herrn sein alle Wege, Sela! „

Das Gesamtwerk, das der Verleger überarbeiten ließ, hatte den ursprünglichen Titel: "Allzeit in Gottes Gegenwart".
Die
Neufassung des Gesamtwerkes "All meine Gedanken sind bei dir - In Gottes Gegenwart leben", überarbeitet von Reinhard Deichgräber ist hier erhältlich: http://www.neufeld-verlag.de/neufeld/katalog.html

Kurzbiographie und weitere  Informationen

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Heilige Katharina von Genua    (1447 -1510)                         Vorbericht von Gerhard Tersteegen

Nichts ist schöner, lauterer, anmutiger, mächtiger und vollkommener als die Liebe; denn Gott ist Liebe: durch kein Mittel kann sich Gott des menschlichen Herzens besser bemächtigen, als durch die Liebe, und durch kein Ding kann der Mensch Gott besser gefallen, als durch die Liebe; denn sie ist des Gesetzes Erfüllung. Was durch alle Strenge des Gesetzes, und durch alle Furcht der Strafe nicht hat können, und noch nicht kann bei dem Mensch ausgerichtet werden: das alles ist und wird leicht ausgerichtet, wo Gott dem Menschen seine Liebe in Christo Jesu anpreiset, wo ER ihm die Vergebung seiner Sünden, Erlösung und ewiges Heil ankündiget, und ihn aus solchem Grunde zur Buße und Gegenliebe anlocket. Gleichwie nun die Eingeweide der Liebe Gottes, in dem süßen Namen Jesu Immanuel, dem abgewichenen Menschen wiederum eröffnet sind; und noch bis auf diese Stunde dem ärmsten Sünder, wissend oder unwissend, weit offen stehen in seiner Seelen: also ist diese ewige Liebe auch im Grunde unserer Seelen stets geschäftig, sich uns anzubieten und anzupreisen, und auf tausend Arten sich bei uns zu insinuiren und einen Eingang zu suchen, zu unserer ewigen Glückseligkeit; alle im menschlichen Herzen aufsteigende gute Gedanken und Begierden, Traurigkeit und Weh über seine Sünden, Bestrafung und Zurechtweisung, Reizung zum Gebet, zu wahren Glückseligkeit, und gründlichen Übergabe an Gott, und dergleichen mehr sind pure Auswirkungen dieser langmütigen Gottesliebe. Könnte es der ruchloseste Sünder nur den tausendsten Teil erkennen, er würde sich den Augenblick dieser unbegreiflichen Liebe ergeben müssen; ja „ Liebe, zeige dich auch nur von ferne den Sündern, daß Du Liebe seiest, so werden sie Dich alle lieben und dir gerne folgen!“

Geschieht nun dieses, daß sich nemlich der Mensch durch Gottes Güte und Liebe zur Buße ziehen lässt; so glaube er es doch ohne Bedenken, daß auch er, durch keinerlei Werk oder Übung Gott besser und leichter gefallen könne, als durch Liebe: er bewahre und pflege nur wohl das verborgene Fünklein der Liebe Gottes in seinem Herzen, durch herzliches Andenken an Gott, kindlichen Zukehr zu Gott, und einfältige Beschäftigung mit Gott und dessen Vollkommenheiten; er übe sich in der Liebe, aus Liebe zu Gott gebe er sich selbst und sein liebstes dran, und überlasse sich im Glauben dieser reinen Liebe: er erfreue sich, wann er eine gute Gelegenheit hat, etwas zu tun, zu verleugnen oder zu leiden, diesem Gott zu Lieb und Ehren: er gewöhne sich daran, alles was er tut, aus Liebe zu diesem Gott zu tun: alles was ihm begegnet, in Liebe von diesem Gott zu nehmen: alles was er zu leiden, in Liebe um dieses Gottes willen zu ertragen. Alles muß durch die Liebe der Liebe geopfert werden. Durch die Liebe werden die bittersten Leiden süß, die wunderlichsten Begebenheiten gut, die kleinsten Werke groß und göttlich.

Da denke man aber nun nicht eben an eine empfindliche und erquickliche Liebe: Liebe haben und Liebe fühlen ist nicht allezeit beisammen. Die wahre beständige Liebe besteht in einer innigen Hochachtung Gottes, daß wir Ihn als höchst, ja allein liebenswürdig durch den Glauben erkennen; und daher uns selbst ganz, und was in unserer Macht ist, diesem Gott willig aufopfern und überlassen, zu seinem Dienst und Ehren. Diese Liebe, welche der Heilige Geist in unsere Herzen ausgießet, kann bestehen auch mitten in aller Dürre, Dunkelheit, und tiefsten Läuterungswegen, welche eben nichts anders sind als selige Wirkungen der reinen Liebe Gottes. Doch ich vergesse meiner selbst, und halte den begierigen Leser durch meine matte Ausdrucksweise nur auf, dasjenige zu lesen, was eine der heiligsten Seelen, von dieser Liebes=Materie und von andern herrlichen Wahrheiten, auf eine kraft- und saftvolle Weise in ihrem Leben und Schriften bezeugt und bewiesen hat. Lies dann, und werde entzündet!

Das Leben dieser Seele, der Heiligen Katharina von Genua, wovon hier ein Auszug mitgeteilet wird, ist teils von einer ihrer geistlichen Töchter, überwiegend aber von ihrem Beichtvater, aus dem Munde der Heiligen selbst, beschrieben worden, wie solches in dieser Geschichte selbst Kap. 17 umständlicher zu sehen ist. Anfänglich ist es in italienischer Sprache aufgesetzt, und schon vor mehr als hundert Jahren, nemlich 1597, durch die Kartäuser zu Paris, ins Französische übersetzt, und auch mehrmals wieder aufgeleget worden, 1627, 1646, 1667, usw. Die ersten Editionen sind wegen der Sprache etwas undeutlich, und haben viele Worte, die überflüssig scheinen; in der letzten Edition, welche zu Lyon heraus gekommen, hat man beides wollen verbessern, aber im Verändern und Auslassen sich gar zu viel Freiheit genommen, deswegen behält die letzte Edition, so der Herr Poiret unterm Titel der Liebes=Theologie in französischer Sprache herausgegeben, zu Amsterdam 1691, in mehr als einem Stück billig den Vorzug.

Aus welcher Edition dann auch diese kurzgefaßte Lebensbeschreibung ausgefertiget ist; da man aber auch eine der ältesten, 1627, mit zur Hand hatte, so hat man selbiger, wo die Veränderung merklich war, bisweilen lieber folgen wollen, solche Stellen aber mehrenteils mit einem +  gezeichnet. Die Gespräche dieser Heiligen, welche überaus vortrefflich und von ihr selbst beschrieben sind, hat man um so viel weniger in diesem Auszug mit einfließen lassen, da selbige aparte zu Halle 1701 in deutscher Sprache gedruckt sind, ob man wohl nicht leugnen kann, daß sich der Übersetzer, aus besonderer Absicht, bisweilen zu große Freiheit genommen hat. Weil aber dennoch in dem Leben der Heiligen die Umstände ihrer Bekehrung nur eben berührt, und kein hinlänglicher Begriff von derselben gegeben wird, so hat man solchen Mangel aus ihren Gesprächen allhier in einigen Kapiteln zu ergänzen für ganz notwendig angesehen; da auch sonderlich ihr Rückfall in die Eitelkeiten dieser Welt, so nach ihrer ersten Bekehrung vorgegangen, und von ihr selbst aufrichtig erzählet wird, noch manchen blöden und strauchelnden aufmuntern kann, die Hände der unermüdenden Liebe Gottes getrost wieder zu ergreifen und sich erneuern zu lassen zur doppelten Treue.

Es hat G. Arnold einen Auszug dieses Lebens heraus gegeben; wie man dann auch zu Halle einen noch kürzeren Auszug ihrer verdeutschten Gespräche mit beigefüget hat. Wer sich die Mühe nehmen wollte selbige so wohl dem Original, als auch mit diesem gegenwärtigen Auszug zu conferiren, der würde leicht den merklichen Unterschied gewahr werden; obwohl darum jener Arbeit nicht gering geachtet wird, da ein jeder Autor seine besonderen Absichten hat. Die Würdigungen und Lobreden dieser Person und Schriften aus dem Römisch-Katholischen zu wiederholen, ist überflüssig, da selbige öffentlich  für eine Heilige erklärt worden ist. Durch oben genannte Editonen und Auszüge von Protestanten, haben auch dieselben diese Person und Sachen genugsam gebilliget; der Raum lässt es nicht zu, weitere Zeugnisse aufzuführen. Der Herr Poiret, welcher kaum glauben will, daß von der Apostel Zeit an, bis auf die Katharina von Genua, etwas Göttlicheres, gründlicheres und erhabeneres gemachet worden, als die Schriften dieser Heiligen, beschließet die Vorrede seiner Ausgabe unter anderem mit diesen Seufzern:

„Oh du unendliche Liebe! Oh anbetungswürdige Dreieinheit, Vater, Urquelle der Liebe; Sohn, liebevolles Licht; Heiliger Geist, lebendige Flamme und heilige Brunst der Liebe! Oh Gott! Der Du lauter reine Liebe bist….. Du bist ein brennendes und verzehrendes Feuer, das alles verzehren muß, was in der reinen Liebe nicht bestehen kann. Ach! Verbrenne in uns durch dein anbetungwürdiges Feuer alles, was deiner Heiligkeit zuwider ist, fange an, setze fort und vollende, allhier in unseren Seelen das große Werk der Reingung und Heiligung, ohne welche niemand dein Angesicht sehen kann. Verleihe uns, O Herr!  Ein wenig von deiner empfindlichen und brünstigen Liebe, um uns aufzuwecken aus unserer Unempfindlichkeit und tödlichen Schlafsucht; und ein wenig Schrecken vor deinen entsetzlichen Gerichten, damit wir bei Zeiten den Irrweg verlassen. Schütte in unsere Herzen aus ein Tröpflein von deiner so mächtigen Liebe, welche die Hölle in ein Paradies verwandeln könnte. Ja, Herr, zünde bald dieses Feuer an auf dem Erdboden, welches anzuzünden Du gekommen bist, und wonach Du so sehr verlangest, daß es abermals brenne! Damit das Reich deiner Liebe auf ewig gegründet werde, und wir in Dir seien, in Einigkeit der Herzen, der Seelen, der Werke, und der Zungen, ein Geist mit Gott, dem Vater, Sohn und Hl. Geist, hoch gepriesen in Ewigkeit! Amen.“

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Das heilige Leben der Theresa von Jesu  (1515-1582)

Es ist höchst zu verwundern, und nicht ohne Anregung einer höheren Hand geschehen, daß um die Zeit, wie diese heilige Seele gelebet, ein so gewaltiger Trieb und Geburts-Arbeit, zu einer Erneuerung und Verbesserung der Kirchen, an allen Orten, und fast in allen Gemütern, sich geäußert habe. Ob und wieweit es aber ein jeder am rechten Ende angegriffen, und zum erwünschten Ziel geführet, solches läßt man dem Herrn des Hauses selbst zu entscheiden über; einmal ist es gewiß, daß die heilige Theresa und ihre Gehülfe Joh. Vom Kreuz, nicht unter die geringsten zu zählen sind, welche damals, durch ihr Leben, Handel, und Schriften, zur gründlichen Reformation der Kirchen etwas beigetragen haben, wer mit einem freien und erleuchteten Gemüt die ganze Beschaffenheit der Sachen einsehen kann, wird hierin gerne Beifall geben.

Sie legten die Axt dem Baum an die Wurzel, führten die Seelen mit Wort und Exempel ein, in die wirkliche Absagung der Welt und ihrer selbst, und in die herzliche reine Liebe zu Gott, durch den Weg des inwendigen Gebäts, wodurch allem Verderben gesteuret, und eine reelle Verbesserung in den Seelen ausgewirket, auch dem ganzen verderbten Geschlecht ein Licht aufgestecket wurde. Durch das Leben und die Schriften oben genannter beider Heiligen, ist sonderlich das Licht in den innern Wegen des Christentums wieder durchgebrochen, auch die Übung des stetigen Herzensgebets, fürnemlich in den Klöstern, wiederum in Schwange gekommen.

Ob nun zwar nach der Zeit, wie bei andern Verbesserungen auch geschehen, alles fast wieder in die alte Falte sich geleget; so haben doch unzählig viel hungrige Gemüther eine gesunde Nahrung in diesen Schriften gesuchet und auch gefunden: wie dann schon aus der Menge derer Editionen und Übersetzungen, die Hochachtung dieser Sachen unter so vielen Nationen zu ersehen, da der Theresa Schriften, in Spanischer, also auch in Lateinischer, Italiensischer, Polnischer, Niederländischer, Französischer und Deutscher Sprache, mehrmals gedruckt worden; wie dann noch unlängst 1730 die dritte Deutsche Edition zu Köln heraus gekommen ist.

Es hat die Theresa, auf ausdrücklichen Befehl ihres Seelenführer, den größten Teil ihres Lebens selbst beschrieben; in welchem überall ihre Einfalt und Redlichkeit dermaßen hervor leuchtet, daß man daher allein von der Wahrheit des Inhalts genugsam könnte überwiesen werden, wo sonst keine überflüssige Zeugnisse vorhanden wären. Sie schmücket ihre Sachen keineswegs aus, sondern erzählet das Geschehene oder erfahrene eigentlich und ausführlich; aber dergestalt, daß der Ekel ann der Weitläufigkeit leicht wieder vertrieben wird, durch die Herzlichkeit ihrer Schreibart. Es ist nicht eine bloße und dürre Historie, sondern man findet darin, die beweglichsten Vorstellungen von der Eitelkeit der Welt, von der wahren Demut, von der Liebe Gottes, und sonderlich von den verschiedenen Arten des Inwendigen Gebets, und der unaussprechlichen Gnaden, welche seine Göttliche Majestät einer Seele auf diesem Wege mitzuteilen pfleget: welches alles sie aus ihrer eigenen Erfahrung offenherzig erkläret.

Dieser Auszug ist zwar geschehen aus der neuesten deutschen Edition; man hat aber auch andere, nämlich die Lateinische und Niederländische mit zur Hand gehabt, damit man den Sinn der Autorin desto eigentlicher und nachdrücklicher möge geben können. Es ist zwar auch ein Auszug dieses Lebens, unterm Namen des Herrn G. Arnolds, denen Leben der Gläubigen mit einverleibt worden; man hat sich aber danach nicht richten können, weil man glaubte, es würde dem Leser angenehmer sein, wenn man diese Heilige selbst, mit ihren eigenen unveränderten Worten, redend einführete, als wenn man auch noch so treulich deren Sinn hätte ausdrücken wollen. Zu geschweigen, daß jener Auszug nur bis ins Jahr 1562 reichet, dieser aber, aus der Theresa Buch, von den Klosterstiftungen, und aus des Francisci Ribera, Leben der Theresa (Lyon 1620), bis auf ihren Tod ausgeführet wird, welcher sich erst im Jahr 1582 zugetragen. Wie man dann auch sonst aus Ribera, der ein bekannter Freund der Theresa gewesen, bisweilen eins und anderes allhier mit eingefüget hat.

Ob nun zwar diese heilige Seele viele Widersprüche und schwere Verfolgungen von den lieben ihrigen erlitten, sowohl bei ihrem Leben, als auch in etwas nach ihrem Tode, so hat sich's doch bald dermaßen geändert, daß auch manche, die den größten Verdacht auf sie hatten, nachdem sie ihren Geist und Wandel aufs genaueste geprüfet, ihre größten Verteidiger geworden sind; so daß man von ihrem Leben und sonderbaren Heiligkeit eine unglaubliche Menge unverwerflicher Augenzeugen und Zeugnisse anführen, ja ein ganzes Buch damit füllen könnte; da aber selbige großen theils von ihren Werken zu lesen sind, die Theresa auch öffentlich für eine Heilige erkläret worden, so würde es ganz überflüssig sein, aus der Röm. Katholischen Kirchen einige Approbationes allhier beizubringen.

Nur ein paar Zeugnisse von den Protestanten auszuweisen: so verteidigt ein neuer Autor die Theresa, und nennet sie, eine nach der Natur und nach der Gnade sehr verständige, und in dem geistlichen Leben durch und durch geübte Seele. Der Herr D. Anton, Professor zu Halle, spricht von den Werken der Theresa in einem öffentlichen Collegio, also:“ Diese Opera sind nicht frei von allerei Devotionibus particularibus Rom. Ecclesiae, hingegen aber sind auch viele herrliche Wahrheiten, ja Hauptwahrheiten darinnen. Sie hat doch geradezu auf Gott gedrungen, und ist über die andere Particulara des Aberglaubens weggeflogen, davor kann man Gott nicht genug danken. Indes hat sie kläglich von uns geschrieben, ex hypothesi wie sie es gewußt und gehöret; doch aber ist ihr Christliches Herz wohl zu erkennen, wie sie immer vor uns gebetet usw“.

Gottfried Arnold hat nicht nur (besagter maßen) einen Auszug ihres Lebens heraus gegeben, sondern er erkennet auch in Ihr einen teuren Grund der Demut und herzliche Einfalt. Sie habe zur Ihrer Zeit als ein guter Geruch Christi sich ausgebreitet, und manche Seele dem Herrn zugeführet. Er recommendiret zur Nachfolge an, ds Exempel der Demut, welche in einem so reichen Maß in dieser Person gewohnet habe, zusammen ihrem weltverschmähendem Wandel. Aus ihren Schriften könne man deutlicher vernehmen, sowohl die Lauterkeit ihres Sinnes in dem Dienste Gottes als auch ihre übrige Erfahrung in den Wegen des Herrn. Nachdem eben dieser Mann, in einem andern Buche (Hist. Der Myst. Theologie Kap. 23) eine Menge Approbationes anderer  angeführet, zeiget er die Summan und den Charakter ihres Vortrags folgender Gestalt kürzlich an:“ Sie hat diejenige mystische Lehre auf eine innige Art der Liebe und des Gebets vorgetragen, welche von andern meist nach einer Schulmethode gelehret wird. Denn ob sie gleich nicht ohne gute Ordnung ihre Sachen beschreibet, so affectiret sie doch dabei keine Kunst, sondern redet aus lauter Bewegung des Herzens, durch Erfahrung inbrünstiger Liebe, Insonderheit aber dringet sie auf das inwendige stete Gebet, und noch mehr auf solch natürlich Verlangen und Stöhnen nach Gott, durch welches die Seele mit Ihm vereiniget wird; damit man also unendlicher und unaussprechlicher Gnaden gewürdiget und in der Liebe befestiget werde. Hierzu suchet die Autorin überall das Herz gewaltig zu erwecken, und von seiner natürlichen Härtigkeit zu erweichen, zu steter Liebe Gottes, und tiefer Anbetung und Verehrung über dessen unendliche Kraft u.s.w.“ P. Poiret lobet und recommendiret die Theresa hin und wieder in seinen Schriften, und hat sie an unten angewiesenen letzten Ort, als eine heilige und reine Seele verteidigt, wider die unverschämten Lügen eines armen Lästerers.

siehe auch:  Theresa von Avila (FemBio.org)

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Johanna Maria von Cambry  ( 1581 - 1639)

Zwei gelehrte und bekannte Freunde der Johanna von Cambry hatten schon bei ihrem Leben den Vorsatz, die Geschichte ihres Lebens ans Licht zu geben; weshalb sie dann auch dazu nötige Nachrichten bereits gesammelt und aufgesetzt hatten. Weil man aber in Bedenken geriet, die Tugenden einer noch lebenden und verfolgten Person öffentlich bekannt zu machen; und man auch vieler, gleichfalls noch lebenden ansehnlichen Leute, nicht zum Besten dabei hätte gedenken müssen, so blieb die Arbeit liegen. Diese gesammelten Nachrichten, und was sonst die Führer unserer Johanna von ihren Schriften nachließen, geriet hernach in die Hände ihres leiblichen Bruders, Pierre de Cambry, eines Canonici zu Renaix, welcher öffentlich bezeugte, dass er seine Bekehrung, nächst Gott, den Gebeten dieser seiner Schwester zu verdanken hätte. Dieser hat nun aus mehrgemeldeten Nachrichten und aus dem, was er sonst von seiner Schwester wußte und in Händen hatte, ihr Leben verfertiget, und endlich 1659 zu Antwerpen ans Licht gegeben, mit vielen vorgesetzten Approbationen. Es ist mir auch nie eine andere Edition davon bekannt geworden; viel weniger hab ich etwas davon in deutscher Sprache gesehen.

Diesen Auszug ihres Lebens anlangend, besteht größten und wichtigsten Teiles aus Urkunden von ihrer eigenen Hand, an ihre Führer oder vertraute Freunde geschrieben. Das Übrige haben unverwerfliche Augen- und Ohrenzeugen berichtet. Und ist zu bedauern, dass die geschriebenen Nachrichten von den letzten Jahren ihres Lebens, in damaliger Kriegsunruhe verloren gingen. Der Rest ist inzwischen gar zu schön, dass er nicht einen kleinen Raum bei diesen Sammlungen solcher Geschichten finden sollte.

Die übrigen Schriften dieser gottseligen Person sind alle zusammen zu Tournay oder Dornich 1665 unter folgendem Titel gedruckt: Les Oeuvres spirituelles de Soeur Jenne Marie de la Presentation, premierement Jenne de Cambry; Sie bestehen aus 6 Traktaten, die auch jedes besonders ediret sind:

1) Kleine Übung die Liebe Gottes zu erlangen. 2) Die vier Bücher von der Zerstörung der Eigenliebe und Aufbauung der Liebe Gottes, besonders gedruckt 1622 und 1627 zu Tournay, wie auch 1645 zu Paris. Dies ist ihr größter und ein recht wichtiger Tractat; worin nicht nur die mancherlei Schlupfwinkel der Eigenliebe gründlich entdecket, sondern auch die aufeinander folgenden Stände inneren Lebens, recht ordentlich und aus tiefer Erfahrung, beschrieben werden. 3) Die Mystische Fackel, auch besonders gedruckt zu Tournay, 1631, nachdem die Autorin in den ersten Kapiteln dieses Tractats den Seelenführern einige nötige Erinnerungen gegeben, erkläret sie danach die Mystischen Materien und Redensarten, auf eine ganz gründliche und fürtreffliche Weise. 4) Ein Tractat von Verbesserung des Ehestandes. 5) Trauerklage einer gefangenen Seele in ihrem sterblichen Leibe. 6) Von der Fürtrefflichkeit  der Einsamkeit. Auf welche Weise sie aber diese ihre Bücher geschrieben, kann nachfolgend im Kap. III. am Ende merkwürdig nachgelesen werden.

Es hat diese, wie alle anderen frommen Seelen, ihre Feinde und Verfolger gehabt, doch fehlte es auch nicht an solchen, die sie und ihre Schriften, geliebet und gelobet haben. Aus vielen wollen wir nur ein paar anführen.

Mons. Coriache, General-Vicarius des Erzbischofs zu Mechlen gibt von ihrer Mystischen Fackel (3) folgendes Zeugnis: Die Klarheit der Mystischen Fackel verblendet mein grobes Gesicht, und macht, dass ich bekennen muss , es sei diese Fackel ursprünglich hergekommen von dem Vater der Lichter, bei welchem kein annehmen (Ansehen) der Person ist, und der in dem schwächeren Geschlecht  Wunderdinge wirket. Es sei in alle Ewigkeit gebenedeit, fürnemlich durch diese gereinigten Geister, welche seiner Gottheit am meisten teilhaftig sind. Diese Coriache ist ein vertrauter Freund der berühmten und berufenen Jungfrau Antoinette Bourignon gewesen, auf dessen Anhalten sie auch ihr Innerliches Leben oder das Wort Gottes aufgesetzt, und an den sie etliche Briefe geschrieben, welche in ihrem Buch, das Licht scheinende in der Finsternis, gefunden werden.
Andreas Catulle, Gerneral-Vikarius des Erzbischofs zu Dornich, welcher auch die gemeldete Jungfrau Bourignon in ihren Verfolgungen zu verteidigen suchte, hat mehr als ein Zeugnis von dem Leben und Schriften unserer Johanna von Cambry ans Licht gegeben, woraus wir nur weniges anführen können: Ich bin (so schreibt er an den leiblichen Bruder der Johanna) fast allein noch übrig von denen, die nebst euch, eine genaue Bekanntschaft mit eurer Schwester gehabt haben. Ich erinnere mich noch der Leiden, die sie, mit so großer Geduld und unglaublicher Standhaftigkeit ausgestanden, denn weil sie Gott angenehm war, so musste sie durch die Versuchung bewährt werden. Ich habe sie zu Rissel öfters besucht und allemal eine tiefe Demut in ihr, und in ihren geistlichen Gesprächen wahrgenommen. Sie wandte in ihrem eingeschlossenen Kämmerlein fast alle Zeit an zum Gebet oder zum Schreiben gottseliger und fürtrefflicher Bücher; aus ihrem Angesicht leuchtete nichts als Gottseligkeit und Andacht hervor, so dass ich nimmer von ihrem Besuch und ehrwürdigen Ansehen zurück gekehrt bin, ohne mich in mir selbst zerknirschet und im Geiste eingesammelt befunden usw.

Wider die gestrenge und einsame Lebensart dieser gottseligen Seele werden sonderlich viele Leser kein Geringes einzuwenden haben. Allein, es wird solches keinem zur Nachfolge aufgebürdet, man berichtet nur historischer Weise ihre Führung und Lebensgeschichte, nicht uns in ihre äußere Lebensform zu verbilden, sondern unsere trägen Herzen aufzumuntern, zum ernsten Glauben und brünstiger Liebe Gottes.

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